Frisch verliebt in den HSV

von Redaktion

„Jetzt-erst-recht-Mentalität“ in Hamburg: Heimspiel gegen Kiel seit Wochen ausverkauft, Trainer Titz setzt auf Ballbesitz

Von Jan Christian Müller

Hamburg – Rückblende: Mitte März verliert der Hamburger SV 0:6 beim FC Bayern. Am nächsten Morgen stehen Grabkreuze am Trainingsplatz, ein Plakat hängt am Zaun: „Eure Zeit ist abgelaufen. Wir kriegen euch alle.“ Vorstandschef Bruchhagen weg, Sportdirektor Todt weg, auch Trainer Hollerbach wird eilig rausgeworfen. Zum nächsten Heimspiel fahren Wasserwerfer auf. Die Polizei fürchtet, der kollektive Frust könnte in Gewalt münden. Dem HSV droht, der Laden um die Ohren zu fliegen.

Aber das tut er nicht. Fünf Monate und einen Abstieg später reißen sich die Fans um die Eintrittskarten für das erste Zweitligaheimspiel der Vereinshistorie gegen Aufsteiger Holstein Kiel. Die Partie an diesem Freitagabend ist seit Wochen ausverkauft. Die Kräfte der Gemeinsamkeit eines Traditionsvereins wirken stärker als die Fliehkräfte eines gefallenen Dinos. 25 000 verkaufte Dauerkarten, 7000 neue Mitglieder seit der Sommerpause, mehr als 80 000 Menschen gehören dem HSV nun an.

Bernd Hoffmann, der machtbewusste Präsident, findet seinen Verein derzeit im „Honeymoonmodus“ vor. Die Fans sind frisch verliebt in ihre Rothosen. Der neue, aus Kiel abgeworbene Sportvorstand Ralf Becker spürt „richtig guten Rückenwind“ durch die „Jetzt-erst-recht-Mentalität“ im Umfeld. Der Abstieg geschah gefühlt bereits im düsteren März. Als es dann im Mai tatsächlich trotz eines 2:1-Siegs gegen Gladbach soweit war, machten 50 Chaoten Feuer, 50 000 feierten die Absteiger. Die Fans hatten schon im Frühjahr das Gefühl, Zeugen eines Neuanfangs zu sein. Nach Jahren des Darbens winken endlich mehr Siege als Niederlagen.

Hoffnung macht vor allem Trainer Christian Titz, den der mutige Nachwuchschef Bernhard Peters entdeckt, für die zweite Mannschaft verpflichtet und zum Chefcoach befördert hat. Titz hat den untoten Dino aufgepäppelt. Sein Werdegang außerhalb des Spitzenfußballs erlaubt ihm einen unverstellten Blick aufs Profidasein. Seinen Spielern lebt der gelernte Verwaltungsfachangestellte vor, dass sie ihr privilegiertes Leben Leuten zu verdanken haben, die Eintrittsgelder zahlen, Trikots kaufen und TV-Abos beziehen. Noch nie schrieben die Profis so ausdauernd Autogramme wie derzeit. Mit dem konsequenten Ballbesitzfußball hat Titz zudem die Spielweise revolutioniert. Trotz der Entwicklung bei der WM will er der Linie treu bleiben. Titz verweist darauf, dass mit Bayern, ManCity und Barcelona drei Ballbesitzteams Meister wurden. Der Plan könnte aufgehen – zumal Sportchef Becker Jann-Fiete Arp, Lewis Holtby, Aaron Hunt, Gotoku Sakai, Douglas Santos, Gideon Jung und Kyriakos Papadopoulos halten konnte. Auch die abwanderungswilligen Filip Kostic und Albin Ekdal sind noch da, ebenso wie Großverdiener Pierre-Michel Lasogga.

So viel Erfahrung hat niemand im Unterhaus, und dennoch kann Becker auf den jüngsten Kader der ersten und zweiten Liga verweisen. Eine komplette Elf aus Nachwuchskräften könnte Titz aufs Feld schicken. Wie sehr die Jungen gebraucht werden, zeigt sich aktuell: Da Jung und Papadopoulos wegen Knorpelschäden in den Knien langfristig ausfallen, herrscht akute Innenverteidiger-Not. Aber Rick van Drongelen und Stephan Ambrosius (beide 19) stehen bereit.

Auch wenn der HSV den Personaletat fast um die Hälfte auf 28 Millionen Euro gekürzt hat, ist das immer noch mehr als das Doppelte des Zweitligaschnitts. Becker warnt: „Wenn wir denken, der HSV ist zu groß für die zweite Liga, dann machen wir den ersten großen Fehler.“

Die berühmte Stadionuhr läuft übrigens weiter. Sie wurde umgestellt und zählt nicht mehr die Stunden seit Bundesligabeginn 1963, sondern seit der Vereinsgründung 1887. Eine echte Steigerung.

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