Als Schwimmen das Turnen im Wasser war

von Redaktion

Von Günter Klein

Ein Zufallsfund. Auf einem Stadtfest im vorigen Sommer, bei dem ein plötzlicher Regenguss die Leute in die abends noch geöffneten Geschäfte trieb. In diesem Fall: ein Buchantiquariat.

Das Buch heißt „Turnen und Sport an deutschen Hochschulen“, herausgegeben wurde es in Leipzig im Jahr 1910. Ein neugieriges Blättern. Erfreulich: mit Fotos, mit kurzen Kapiteln und in heutiger lateinischer Schrift und nicht in (alt)deutscher. Gut lesbar alles. Und vor allem: Ein Streifzug durch die Landschaft des Sports. Turnen, Fechten, Skilaufen, Bergsteigen, Leichtathletik, Tennis, Hockey, Rudern, Schwimmen, Reiten, Hockey, ja sogar „Der Fußballsport in Deutschland“.

Was soll dieses schöne Buch kosten? 8 Euro. Prima, gekauft. Irgendwann wird man es gebrauchen können. Um nachzufühlen, wie sich Sport damals, vor mehr als einem Jahrhundert, darstellte. Um zu vergleichen und herauszufinden, ob er heute ganz anders ist oder sich gar nicht so sehr verändert hat

Jetzt, im Sommer 2018, ist die Zeit gekommen. In einer Woche, die dem „allgemeinen Sport“ gehört, also allem, was nicht Fußball ist.

Doch lesen wir mal hinein ins Fußball-Kapitel von Referendar Ludwig Albert aus Colmar im Elsass, einem der Autoren, tauchen wir ein in den Berichterstatterton:

„Am denkwürdigen 10. April 1910 standen sich die repräsentativen Mannschaften Berlins und Süddeutschlands in der Reichshauptstadt gegenüber. Göttin Nike hat mit der Entscheidung lange zurückgehalten. Erst in der 142. Minute gab sie den Lorbeer an die süddeutsche Elf und beendete so einen Riesenkampf, der in der Geschichte des Fußballsportes einzigartig dasteht.“

Ein Golden Goal also lange schon vor Oliver Bierhoff (1996) – und Nike ist noch keine größte Sportartikelfirma der Welt.

Aber: Fußball ist bereits 1910 dabei, seine künftige Größe anzudeuten;

„Am 1. Januar 2010 zählte der D.F.B. 1053 Vereine mit 82 326 Mitgliedern; zur Zeit dürfte die Mitgliederzahl bereits über 100 000 betragen. Jedes Jahr steigen die Mitgliederbestände um 20 – 25 %.. . Die 40 größten Vereine besitzen allein insgesamt 10 358 Mitglieder. 4242 Spieler haben in 252 Mannschaften für ihre Farben gespielt und zwar in 3436 Wettspielen. Hierzu waren 640 Sportreisen für jeweils mindestens 11 Mann notwendig, die allein für Eisenbahnfahrten eine Ausgabe von 46 022 M. erforderten. Auf den Kopf jedes Spielers fallen mithin pro Spielsaison 110 M. Dieser kleine Ausschnitt aus dem Finanzleben einiger weniger Vereine mag genügen, um den Umfang des heutigen Spielbetriebs im ganzen D.F.B. und seine Berührungspunkte mit der allgemeinen Volkswirtschaft erkennen zu lassen.“

Turnen war zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch die Nummer-eins-Disziplin (der Verband hatte 900 000 Mitglieder), gab aber seinen Monopolanspruch schon auf. Arymund Fehrmann und Paul F. W. Meynen, die Herausgeber von „Turnen und Sport“, schreiben an die Studenten:

„Welcher Art der Leibesübungen Ihr Euch zuwendet, ist dabei gleichgültig, wenn Ihr nur erst einsehen möchtet, daß Luft und Sonne die kostbarste Nahrung für Euren Körper sind. Ob Ihr im Sommer durch Wälder, über Täler und Höhen wandert, ob Ihr im Winter auf flüchtigem Ski über die weiten weißen Schneefelder dahinfahrt, ob Ihr auf sonnigem Rasen bei Turnen, Spiel und Sport Eure Kräfte meßt oder im schlanken Boote über die stille Wasserfläche gleitet, jede dieser Übungen wird Euch eine Kräftigung Eures gesamten Organismus bringen. . . Folgt unserem Ruf zu Sonne, Licht und Leben! Reißt Euch heraus aus dem öden Kneipeneben, aus Eurem bierseligen Philistertum und tretet in ein reines inniges Verhältnis zur Natur.“

Ein Werbeprospekt zu den European Championships 2018 in den Sportarten Leichtathletik, Schwimmen, Turnen, Rudern, Rad, Golf und Triathlon könnte nicht schöner formuliert sein.

Gehen wir zur Leichtathletik. Vor deren Entwicklung verneigte sich 1910 auch die Turnszene.

„Man stellte sich unter Menschen, die Athletik betrieben, immer jene ungeschlachten Muskelmänner vor, wie sie bei den Ringkampfveranstaltungen der Varietes zu sehen sind. Nun, die deutsche Jugend hat sich heute wohl allgemein zu einer besseren Einsicht durchgerungen.“

Die Leichtathletik erlebte vor über hundert Jahren schon einen Popularitätsschub, es gab eine „Deutsche Sportbehörde für Athletik“, die eine offizielle Rekordliste führte. Die Laufstrecken gingen von 50 bis 40 000 Meter, es gab auch noch die Disziplin des „Dreibeinlaufs“, bei dem Zweier-Teams starteten und die beiden inneren Beine der Läufer zusammengebunden wurden. Bestzeit übrigens: „12 4/5 Sekunden.“ Bei den Wurfdisziplinen war noch der Cricketball (Rekord: 99,33 Meter!) im Programm.

Die Leichtathletik war 1910 aus heutiger rückblickender Sicht erstaunlich modern. Hineingelesen in den Artikel „Der Lauf über 400 Meter“ von Dr. O. P. Trieloff aus Duisburg. Er schildert einen seiner Läufe:

„Ich wollte den für jene Zeit unerhörten Versuch machen, mich durch Anfangsspurt an die Spitze des ganzen Feldes zu bringen. Ob ich dann freilich aushalten würde? Nun, auf meine Lungen konnte ich mich verlassen, hatte ich doch einst dem untersuchenden Militärarzt das Zentimetermaß gesprengt, als er meine Brustausdehnung messen wollte. Auf den Schuß flog ich an die Spitze der überraschten Gegner. Nach 60 m vernahm ich schon nichts mehr von dem Fußstampfen auf der festen Sandbahn; ich hatte wohl 15 m gewonnen. Bei 250 m hörte ich dann etwas hinter mir aufkommen: Breynck und v. Böninghausen, letzterer noch sehr frisch. . . Das moderne 400 m Rennen ist kein Spaziergang mehr, sondern eine harte Arbeit: Man wird seines Sieges immer erst froh, wenn die Arbeit verhallt ist. . . Untrainiert ein 400 m Rennen zu laufen, ist ein Verbrechen am eigenen Leibe.“

Keine EM-Fernseh-Übertragung kommende Woche aus Berlin wird so mitreißend sein können wie dieser Text.

Das Rudern tat sich indes schwer in Deutschland; es war halt ein englischer Sport. Die Deutschen entwickelten die Sonderform des Wanderruderns. Doch nur zwei Prozent der Studenten steigen 1910 regelmäßig ins Boot.

„Das ist ein recht kleiner Prozentsatz, besonders wenn man bedenkt, daß das Rudern mit seiner gründlichen Durcharbeitung des ganzen Körpers für die Studenten mir ihrer sitzenden Lebensweise besonders geeignet ist.“

Stabsarzt Dr. Müller aus Brandenburg hält sonst nicht viel davon, an die Riemen zu gehen – und das Radfahren bügelt er auch noch mit ab:

„Das Rudern nimmt unter allen Leibesübungen eine Sonderstellung ein. Die übrigen Leibesübungen sind mehr oder weniger mannigfache Kombinationen der verschiedenartigsten Einzelbewegungen. Das Rudern ist eine fortlaufende Wiederholung ein und derselben, allerdings zusammengesetzten Einzelübung. Daher bieten die übrigen Leibesübungen zeitlebens neuen Lernstoff, während das Rudern nur möglichst vollkommene Gleichmäßigkeit der Wiederholung verlangt. Damit berührt sich das Rudern mit dem Radfahren, welch letzteres jedoch vermöge seiner einseitigen Inanspruchnahme ausschließlich der unteren Gliedmaßen als eigentliche Leibesübung immer weniger in Betracht kommt.“

Nicht mal ein richtiger Sport also, das Radfahren. Dann muss da auch nicht gedopt werden, oder?

Bleibt noch das Schwimmen, dem sich in unserem historischen Buch Ingenieur Curt Radtke aus Bremen widmet:

„Das Schwimmen ist gewissermaßen das Turnen im Wasser. Da es alle Muskeln in Anspruch nimmt und in völlig staubfreier Luft ausgeführt wird, könnte man es die vollendetste aller Turnübungen nennen.“

Nun in Glasgow, der Hauptstadt der European Championships, können die Wasserturner ja mal hinüberschauen zu den wahren Turnern, von denen sie abstammen. Und die Radfahrer zu den Ruderern. Alle vereint.

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