Fleißarbeit im Wanderzirkus

von Redaktion

Thomas Müller schaut nach vorn und beschäftigt sich trotzdem mit der „Heuchler-Debatte“ um Özil

Von Elisabeth Schlammerl

Rottach-Egern – Bei Niko Kovac dauert alles etwas länger. Das Training sowieso, aber auch das Mittagessen zieht sich unter dem neuen Trainer des FC Bayern offenbar in die Länge. Thomas Müller hat am Freitag seine medialen Verpflichtungen in Rottach-Egern erst mit einer Stunde Verspätung wahrnehmen können. Davor hatte er eine schweißtreibende Übungseinheit am Tegernsee hinter sich gebracht. Als kleine Extraschicht hat er gleich noch beim Toreverschieben mit angepackt.

Müller hat es zwar nicht unbedingt nötig, sich mit Fleißarbeit im Trainingslager beim neuen Bayern-Trainer besonders zu empfehlen, aber als Mitglied der gescheiterten Weltmeister-Mannschaft schadet es ja nicht, wenn man gleich am Anfang Motivation erkennen lässt. Schließlich wollen alle deutschen Nationalspieler zeigen, sagt Müller, „wie wir es besser können“.

Während viele Kollegen, egal, ob Nationalspieler oder nicht, aus dem Urlaub die Öffentlichkeit über die sozialen Medien über ihren Fitnessstand und die Urlaubsziele auf dem laufenden hielten, gab es von Müller nur ein paar Fotos mit Ehefrau Lisa und von einem Termin mit seiner Stiftung. Nach der enttäuschenden WM habe er erst einmal abschalten wollen „von diesem Wanderzirkus mit Ball. Da hatte ich nicht das Bedürfnis täglich mitzuteilen, was ich gerade mache.“

Eigentlich will er nicht mehr viel Worte über die WM verlieren, „wir leben ja alle nach vorne“, aber um das Thema Mesut Özil kam auch er nicht herum – und fand deutliche Worte. „Sicherlich haben die Protagonisten auch keine sehr glückliche Rolle gespielt, egal ob auf Seiten des Verbandes oder auch die Spieler selbst“. sagte er. Allerdings könne von Rassismus in der Nationalmannschaft „absolut keine Rede sein“. Die Debatte um Özil nannte er heuchlerisch und gab den Medien dafür eine Mitschuld. „Wir schreiben genüsslich darüber, freuen uns, dass es Ärger gibt und breiten es aus. Und am Ende wundern wir uns, wenn die Gesellschaft gespalten ist.“

Viel lieber beschäftigt sich Müller aber mit der kommenden Saison, freut sich über die „neuen Reize“, die Kovac setzt. Der Fokus liegt mehr als in den vergangenen Jahren beim FC Bayern auf der Fitness, auf der Grundlagenausdauer, „weil vielleicht das aus seiner Sicht ein Punkt ist, bei dem wir am meisten Nachholbedarf haben“, sagt Müller. Kovac gebe nicht nur „akkurate Anweisungen“, sondern macht auch selbst mit. Es ist schön, zu sehen, dass sich einer auch quält. Das „Rundum-Paket gefällt mir gut“, sagt Müller und fügt mit einem Grinsen an: „Aber das wird jeder Spieler nach einer Woche unter einem neuen Trainer sagen.“

Müller findet, dass er bis auf das Ende ein ganz ordentliches Jahr hinter sich habe. „Bester Vorlagengeber der Liga und acht Tore trotz Verletzung, dann weiß ich nicht, ob man persönlich von einer schwachen Saison sprechen kann.“ Aber er ist ihm klar,dass der letzte Eindruck zählt, und der war eben nicht gut.

So sieht es offenbar auch Karl-Heinz Rummenigge. „Er ist in der kommenden SaSaison sehr gefordert“, sagte der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern in der „Sport Bild“. Kovac müsse daran arbeiten, „dass wir Thomas auf das Niveau kriegen, auf dem er ohne Frage schon Weltklasse-Leistungen gezeigt hat“.

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