München – Schachbücher hat in Deutschland keiner so viele verkauft wie Dr. Helmut Pfleger. Am Montag wird der Münchner Großmeister 75. Daher wäre es eigentlich höchste Zeit, den beliebtesten Schach-Kolumnisten der Republik zu würdigen – allein der Jubilar kann sich partout keine Biographie über sich selbst vorstellen, „obwohl sogar weitreichende Hilfe angeboten wurde“. Pfleger schreibt lieber mit viel Wortwitz Geschichten rund um die 64 Felder. Er kennt zahllose Anekdoten oder schafft „mit Metaphern und Allegorien Querverbindungen“, die auch bei Hobbyspielern haften bleiben. Sie lieben ihn deshalb.
Seit 37 Jahren ist seine wöchentliche Schachkolumne eine feste Größe in der „Zeit“, egal wie sich diese auch wandeln mag. Acht Bücher entstanden alleine aus seinen besten Schachspalten. In der „Welt am Sonntag“ ist Pfleger seit gut 30 Jahren für die Könige und Damen zuständig. Im „Deutschen Ärzteblatt“ verquickt er seit 27 Jahren manches medizinische Thema mit jenen auf dem Brett. Seine Erzählweise brachte dem Psychoanalytiker das Etikett des „Märchenonkels“ ein – früher „wurmte“ ihn die Herabsetzung durch Neider unter Großmeister-Kollegen. „Heutzutage trifft mich das aber viel weniger“, arbeitete der ehemalige Moderator der Telekolleg-Reihen Biologie und Chemie auch an sich selbst.
Im Fernsehen machte der Jubilar ab 1977 das Denkspiel populär, angefangen mit der Sendung „Schach der Großmeister“. Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Minister Otto Schily oder Fußballtrainer Felix Magath zählten dabei als gute Hobbyspieler zu seinen regelmäßigen Gästen. Bei WM-Kämpfen zwischen Anatoli Karpow, Viktor Kortschnoi und Garri Kasparow lockte Pfleger Millionen vor die Bildschirme – und die Begleitbücher zu den WM-Kämpfen der Titanen verkauften sich ebenso jeweils in fünfstelliger Höhe.
Der im Sudetenland geborene Pfleger hätte durchaus Profi werden können. Siege über Legenden wie Kortschnoi oder den einstigen Weltranglistenersten Bent Larsen schmücken seine Vita. Bei der Schach-Olympiade in Tel Aviv 1964 wurde Pfleger im Turnierbuch als „die Entdeckung“ gefeiert, weil er mit 12,5:2,5 Punkten entscheidend zur deutschen Bronzemedaille beitrug. Mitte der 70er Jahre zählte Pfleger zu den Top 50 der Welt, obwohl der Münchner wöchentlich „80 Stunden in der Facharztausbildung zum Internisten“ arbeitete und nur im Urlaub ans Turnierbrett schritt. „Schach bedeutete mir ein Leben lang viel, aber nie versank ich in ihm“, betont Pfleger und schiebt nach, „keinen Augenblick dachte ich daran, Berufsspieler zu werden.“
Als Schach-Amateur tat er so en passant mehr für seinen Denksport als alle neidischen Kritiker zusammen. Um in Pflegers Jargon zu bleiben: „Die Tantalusqualen“ haben sich gelohnt.