Jan Ullrich hatte sich seine erste große Dummheit schon ziemlich früh geleistet. Anno 2002 war er positiv auf Amphetamine getestet und damit eines Dopingvergehens überführt worden. Der Radstar tischte damals zur Verteidigung eine unglaubliche Geschichte auf: In einer Disco habe ihm ein Unbekannter im Halbdunkel zwei Tabletten zugesteckt und versichert, dem damals wegen einer Verletzung seelisch etwas angeknacksten Sportler würde es nach der Einnahme der Pillen besser gehen. Reumütig stellte sich Ullrich in einer Pressekonferenz den Medien und bekannte „einen Riesenochsenfehler“ gemacht zu haben. Die deutschen Fans nahmen ihm bereitwillig ab, nicht wissentlich manipuliert zu haben und verziehen ihm.
Doch in Ullrichs Leben kam es immer wieder zu Riesenochsenfehlern. Doping, Alkohol, Trunkenheitsfahrten samt Unfällen, zerbrochene Ehe, jetzt offenbar auch noch Drogen. Dass er mit der peinlichen Festnahme auf Mallorca einen weiteren Tiefpunkt erlebte, löste keine allzu große Verwunderung mehr aus. Ullrich, dieser Eindruck drängte sich längst auf, ist nun mal auf die schiefe Bahn geraten.
Und doch tut es immer wieder etwas weh, den einstigen Superstar straucheln zu sehen. Ullrich hat immer noch emotionalen Kredit bei vielen, die ihm anno 1997 zujubelten. Sein Tour-de-France-Sieg verlieh ihm einst Heldenstatus, und da er auch noch sehr bescheiden und sympathisch rüberkam, stieg er zum nationalen Publikumsliebling auf. Er löste einen Boom aus, inspirierte Massen von Hobbypedaleuren dazu, aufs Rennrad zu steigen. Millionen fieberten Juli für Juli vor dem Fernseher mit, wenn Ullrich wieder auf Tour ging. Man kann ihm das alles schon als große Verdienste anrechnen.
Allerdings muss sich Ullrich auch vorwerfen lassen, dass er an seiner Vorbildfunktion komplett scheiterte. Im Laufe seiner nunmehr 44 Jahre offenbarte er viele menschliche Schwächen. Nun scheint er gar vor dem Absturz zu stehen. Allem Anschein nach kann ihn nur noch eine Therapie aus seiner persönlichen Krise retten. Ein trauriger, besorgniserregender Fall also. Umso mehr ist Jan Ullrich – einst unser Mann in Gelb – zu wünschen, dass er die wohl wichtigste Etappe seines Lebens als Sieger beendet.