Experimente gegen Tahith Chong

von Redaktion

Das 1:0 gegen Manchester United lässt wenig Rückschlüsse auf Kovac’ Bayern zu – das Repertoire ist freilich reichlich

VON ANDREAS WERNER

München – José Mourinho ist kein demütiger Mann, vielmehr das Gegenteil. In einer ichbezogenen Branche muss er sich selbst hinter Megaegos wie Zlatan Ibrahimovic und Louis van Gaal kaum verstecken. Umso witziger war es, wie Manchester Uniteds Trainer in der Schlussphase des Show-Spiels beim FC Bayern in der Coaching-Zone seines Münchner Gegenübers Niko Kovac vorstellig wurde. Der Portugiese wollte wissen, ob er sein ausgereiztes Wechselkontingent überstrapazieren dürfe. Kovac, der als Trainer gerade seine ersten Schritte in der Fußball-Welt der Megaegos macht, gestattete das. Es dürfte sich ganz nett anfühlen, wenn so ein Mourinho einen um Erlaubnis bittet.

So wippte in den letzten Minuten am Sonntagabend auch der Lockenschopf von Tahith Chong über den Rasen der Allianz Arena, und alleine die Haarpracht des 18-jährigen Niederländers in Diensten der Briten war einen Teil des Eintrittsgelds wert, was gut war, denn auf die fußballerische Qualität traf das eher nicht so zu – was weniger an Bayern lag. „United wollte nicht fußballspielen“, meinte Joshua Kimmich. Die Briten starten am Freitag gegen Leicester City in die Premier League-Saison. Mourinho ließ in München seinen ganzen Kader Schaulaufen, wobei Weltmeister wie Paul Pogba gleich ganz fehlten. Oberste Priorität: Bloß nicht verletzen.

Ein Muster ohne Wert war die Partie dennoch nicht, sogar Experimente gegen Tahith Chong können ja – bedingt – ein paar Erkenntnisse bringen. Das Repertoire der Bayern wird auch in der neuen Saison auf jeden Fall nicht kleiner. Und Kovac deutete an, dass er mit seinen Möglichkeiten durchaus ein wenig spielen möchte. Dass er Serge Gnabry als Stoßspitze testete, war etwa innovativ. Und im Verlauf der Partie kristallisierte sich andeutungsweise eine erste Rollenverteilung unter dem Kroaten heraus.

Denn das ist ja die große Frage: neuer Trainer – neue Ausrichtung, neues Personal? Kovac legt viel Wert auf die Defensive, und die fand Manuel Neuer gegen die passiven Briten gut: „Es ist wichtig, dass die Ordnung da ist.“ Zudem lässt der neue Chef Umschaltspiel und Gegenpressing üben – „da hatten wir gute Szenen“, meinte Thomas Müller. Und Standards stehen hoch im Kurs, nicht erst seit der WM wisse man, „dass die im aktuellen Fußball sehr wichtig sind“, sagte Müller. „Entsprechend trainieren wir sie.“ Das Tor des Abends gegen Manchester erfolgte nach einer Ecke von Thiago. Javi Martinez köpfte ein. „Wir haben gute Kopfballspieler, Javi ist einer davon“, so Müller.

Der Spanier darf sich seines Platzes in der Startelf sicher fühlen, ganz egal, ob Jerome Boateng noch seinen Abschied nimmt. Wie unter Jupp Heynckes bewacht Martinez die Räume vor der Abwehr. Kovac meinte, er würde Boateng gerne behalten, aber im Grunde verfolgt er die Sache gelassen: Zur Not ist Martinez die erste Alternative für Mats Hummels und Niklas Süle, und auf der Sechser-Position würde Corentin Tolisso eine weltmeisterliche Figur abgeben. Zudem hoffen sie an der Säbener Straße weiterhin, dass Renato Sanches unter Kovac’ Anleitung doch noch zurück in die Spur findet. Am Sonntag saß der 20-Jährige verletzt auf der Tribüne.

Bis auf die Rochaden mit Gnabry (nach der Pause ersetzte er Franck Ribery auf dem linken Flügel) hielt Kovac an Altbewährtem fest. In der Schlussphase kam dann noch Leon Goretzka, der einzige echte Neuzugang. Er tastete sich auf Müllers Position durch die Räume zwischen Thiago und Robert Lewandowski und hätte mit etwas mehr Schussglück zwei Tore machen können. Als der Nationalspieler nach der Partie mit einer bandagierten Hand in die Mixed Zone kam, gab er gleich Entwarnung: „Mir ist einer draufgetreten, aber es ist nichts Schlimmes.“ Am kommenden Sonntag steht der Supercup bei Eintracht Frankfurt an, da will keiner fehlen. „Wenn wir so eine Leistung wie gegen Manchester bringen, wird es ein positives Ergebnis für den FC Bayern geben“, sagte Müller. „Es war heute ein gutes Spiel von uns – der Gegner hieß immerhin Manchester United.“ Wobei da Vorsicht geboten ist: So ganz das echte United war das nicht. Tahith Chong spielt keineswegs immer. Und der merkwürdig demütige José Mourinho kann freilich auch keinen täuschen. Auf Niko Kovac und die Bayern warten in der Welt der Megaegos noch ganz andere Aufgaben.

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