München – Jan Ullrich war nicht zum Star geboren. Schon beim Start zu seiner legendären Tour de France 1997 bekannte er: „Am liebsten sitze ich auf dem Rad. Dort habe ich meine Ruhe.“ Doch spätestens nach seinem triumphalen Trip durch Frankreich, als er als erster Deutscher das berühmteste Radrennen der Welt gewann, war es mit der Beschaulichkeit vorbei. Damals vor 21 Jahren schrieb die Pariser Tageszeitung „Le Figaro“: „Ullrich ist noch recht jung, ein Gott zu sein. Aber die Menge machte ihn zu einem Messias.“ Sein getreuer Helfer Udo Bölts sagte ihm noch auf den Champs Elysées, wo der Tour-Sieger seine Ehrenrunde drehte: „Genieße es – das ist vielleicht das letzte Mal, dass du Ruhe hast.“
Binnen drei Wochen war Ullrich zum deutschen Superpromi aufgestiegen. Eine Rolle, in der er sich nie recht wohlfühlte und die ihm auch zur Last wurde. Erschwerend hinzu kam, dass er sich in einem Metier behaupten musste, das durch und durch dopingverseucht war. Ullrich, den in Deutschland alle für einen unantastbaren Saubermann hielten, fügte sich den dunklen Machenschaften seiner Branche. Als seine Dopingpraktiken ruchbar wurden und ihn sein Rennstall T-Mobile 2006 einen Tag vor Tour-Start suspendiert, begann der rasante Abstieg des Publikumslieblings.
Als uneinsichtiger Sünder entlarvt und geschmäht zog sich Ullrich zunächst in die Schweiz zurück. Zuletzt veranstaltete er auf Mallorca Radltouren. Aufsehen erregten nur noch gelegentlich seine Eskapaden. Seine starke Affinität zum Rotwein ist in der Szene seit langem bekannt. 2014 raste Ullrich mit mehr als 130 km/h auf einer Kreuzung (erlaubt waren 80 km/h) in einen Wagen, in seinem Blut wurden 1,85 Promille Alkohol festgestellt. Ein Schweizer Gericht verurteilte Ullrich zu 21 Monat Haft auf Bewährung.
Im vergangenen Juni gab Ullrich die Trennung von seiner Frau Sara bekannt, die mit den drei gemeinsamen Söhnen schon an Ostern ins Allgäu zurückgekehrt war. Ullrich ließ sich dazu auf eher irritierende Art vernehmen: „Ich könnte die ganze Zeit weinen. Zum einen vor Trauer, zum anderen vor Glück“, sagte er. Er vermisse seine Kinder, habe seit zwei Wochen aber eine neue Freundin, die aus Kuba stamme. Bald darauf gab der gebürtige Rostocker ein weiteres Interview. Der „Bunten“ sagte er: „Mein Herz ist gebrochen, mein Knie ist kaputt. Ich bin ein Wrack. Seit Ostern trinke ich wieder.“
Ullrichs Lebenskrise führte ihn nun zu einem neuen Tiefpunkt. Nach einem Streit auf dem Grundstück seines Mallorca-Nachbarn, dem Schauspieler Til Schweiger, wurde er in Handschellen abgeführt und für 24 Stunden in Polizeigewahrsam genommen. Der „Bild“ vertraute er seine Eindrücke aus seiner ersten Nacht in einem Gefängnis an: „Ich habe Platzangst bekommen, konnte nicht schlafen. Es war eine der härtesten Prüfungen meines Lebens. Überall waren Kot und Urin auf dem Boden und an den Wänden.“ Die Zustände im Gefängnis nannte er „menschenunwürdig“. Viel tiefer kann ein Star nicht sinken.
Ullrich räumte gestern auch den Konsum von Drogen ein. „Die Trennung von Sara und die Ferne zu meinen Kindern haben mich sehr mitgenommen. Dadurch habe ich Sachen gemacht und genommen, die ich sehr bereue.“ In dem Interview erklärte er zudem: „Aus Liebe zu meinen Kindern mache ich jetzt eine Therapie.“ Auch Til Schweiger äußerte sich zu Ullrichs Drogenproblemen: „Er schläft maximal zwei Stunden pro Tag. Er nimmt massiv Amphetamine. Er sagt, er hat ADHS und deshalb muss er sie nehmen. Er hat auch morgens um sechs Uhr angefangen, Bier zu trinken“, sagte der Schauspieler der „Bild am Sonntag“. Ullrichs Anwalt Wolfgang Hoppe (Singen) ließ unterdessen wissen: „Ich habe bereits vor einiger Zeit einen Platz in einer Klinik in Deutschland reserviert. Jan kann dort jederzeit hin.“
Die Zeiten, in denen Ullrich auf seinem Rad den Problemen davonfahren konnte, sind längst vorbei. Er muss sich nun den Niederlagen seines Lebens stellen. Mut wurde ihm dabei von einer anderen deutschen Sport-Legende zugesprochen. Boris Becker twitterte: „Es ist richtig, dass ,Ulle’ durch eine schwierige Phase geht. Wir sollten ihm zuhören/verstehen und dringend helfen!“ Becker kennt sich bekanntlich aus in solchen Dingen.