München – Wahrscheinlich ist Jan Ullrich derzeit über jede Hand froh, die ihm gereicht wird. Und so ist nicht auszuschließen, dass er womöglich jenes Angebot annimmt, das ihm sein früherer Erzrivale Lance Armstrong machte. Wie die „Bild“ berichtet, wäre Armstrong sogar bereit, mit dem Learjet und seinem Arzt aus den USA zu kommen, um dem Tour-de-France-Sieger von 1997 Unterstützung zu leisten, sobald dieser mit seiner Therapie begonnen habe.
Dem Zeitungsbericht zufolge hat sich Armstrong telefonisch an Ullrichs Rechtsanwalt Wolfgang Hoppe gewandt. „Es war ein sehr gutes Gespräch. Lance Armstrong ist sehr an dem Schicksal von Jan interessiert, hat sich ständig informiert“, wird der Jurist zitiert. Armstrong habe gesagt, dass die Rad-Community zusammenhalten müsse. „Aber das Wichtigste sei erst mal, dass Jan sich helfen lassen will. Und dann ist Armstrong sofort bereit, sich mit einem Arzt in ein Flugzeug zu setzen und nach Europa zu kommen“, so Hoppe weiter.
Ullrich hatte am Montag angekündigt, eine Therapie machen zu wollen. Angeblich hat er zuletzt reichlich Alkohol und Drogen zu sich genommen. Nach einem Streit auf dem Mallorca-Grundstück des Schauspielers Til Schweiger war der 44-Jährige sogar für eine Nacht in einer Gefängniszelle gelandet.
Amstrongs Besorgnis um Ullrich kommt etwas überraschend. Denn wirkliche Freunde waren die beiden nie. Allerdings erinnert seine Offerte unweigerlich an zwei Vorfälle bei der Tour der France. 2001 stürzte Ullrich in den Pyrenäen kopfüber ins Gebüsch und musste erst wieder die Böschung hochklettern, Armstrong wartete auf den Gestrauchelten, kurz vor dem Ziel von Luz Ardiden gaben sich die beiden die Hand. 2003 blieb Armstrong in den Pyrenäen an der Plastiktasche eines Zuschauers hängen und landete hart auf dem Asphalt. Diesmal war es Ullrich, der auf einen Angriff verzichtete.
Beide Male war von Edelmut und großer Geste die Rede. Ullrich erhielt sogar einen Fairnesspreis. In Wahrheit verbietet der Ehrenkodex der Radfahrer jedoch in solchen Situationen grundsätzlich eine Attacke. Sowohl Armstrong als auch Ullrich waren also damals zur Fairness verpflichtet.
Dass sich die beiden nach den geschilderten Crashs die Hand gaben, war die große Ausnahme in ihrem ansonsten stark unterkühlten Verhältnis, das von erbitterter Gegnerschaft geprägt war. Ullrichs Intimus Rudy Pevenage warb sogar Armstrongs US-Postal-Edelhelfer Kevin Livingston (USA) ab, um von ihm die Doping- und Trainings-Geheimnisse des schrecklich erfolgreichen Amerikaners zu erfahren.
Umgekehrt spionierte Armstrong im Lager des Deutschen, wusste über dessen nicht sehr sportlichen Lebenswandel im Winter und machte bei Pressekonferenzen entsprechende ironische Anspielungen. So verwies Armstrong mehrfach darauf, dass er eben auch am 24. Dezember und an Silvester bei Wind und Wetter aufs Rad steige, um sich für die Frankreich-Rundfahrt zu trimmen. Andere, so sagte Armstrong süffisant, würden da eben Party feiern. Fünf Mal duellierten sich Armstrong und Ullrich bei der Tour, fünf Mal kam der Texaner im Gelben Trikot in Paris an. Sein Widersacher musste sich mit drei 2. Plätzen sowie je einem 3. und 4. Rang bescheiden.
Insgesamt gewann Armstrong sieben Mal die Tour, wurde des systematischen Dopings überführt, ging als Buhmann des Radsports in die Sportgeschichte ein und wurde aus allen Tour-Siegerlisten gestrichen. Ullrichs Triumph anno ’97 blieb zwar in den Annalen, aber auch er wurde als Dopingsünder entlarvt und ruinierte damit seinen Ruhm. Vielleicht schweißt das ja zusammen.