Glasgow – Philip Heintz lächelte ununterbrochen. Nicht, weil die Silbermedaille um seinen Hals baumelte, denn der zweite Platz fühlte sich für den Topfavoriten wie eine Niederlage an. Aber für diese Niederlage war der Lagenschwimmer kurioserweise unendlich dankbar. „Wenn ich bei Olympia im Finale stehe“, sagte Heintz, „bin ich froh, dass ich diesen Fehler hier gemacht habe.“
Dieser Fehler – damit meinte der Heidelberger seine mentale Verfassung beim 200-Meter-Finale in Glasgow. „Jetzt gilt es, die Baustelle Kopf zu bearbeiten“, sagte Heintz. Mit Hilfe seines Psychologen will er wieder zu sich selbst finden: „Mit dem Motto: Mir geht es am Hintern vorbei, was ich da gleich schwimme, bin ich immer am besten.“
Mit dieser Ist-mir-egal-Einstellung sei er deutschen Rekord, bei Olympia auf Platz sechs und 2014 zu EM-Silber geschwommen. „Immer, wenn ich versucht habe, etwas anderes zu machen, ist es so gelaufen wie hier“, sagte Heintz: „Nach sechs Jahren sollte ich einfach versuchen, bei dieser Lockerheit zu bleiben.“
In Glasgow habe er sich auf der Jagd nach seinem ersten internationalen Langbahn-Titel „zu sehr unter Druck“ gesetzt. Er habe sich gesagt: „Du kannst diesen Europarekord schwimmen, du hast es drauf!“ Sein Psychologe habe ihn davor gewarnt, dass er „nichts erzwingen“ könne, verriet Heintz. Von der Bestzeit des ungarischen Schwimmidols Laszlo Cseh war der 27-Jährige dann auch 2,65 Sekunden entfernt. Den Schweizer Sieger Jeremy Desplanches konnte er so nicht mehr abfangen.
Körperliche Defizite als Gründe schloss Heintz aus. Beim Training habe er mit Heimtrainer Michael Spikermann „alles richtig gemacht“, die Kraft- und Ausdauerwerte hätten „alle gepasst“. Aber der Erfolg im Schwimmen gehe „zu 80 Prozent über den Kopf, 20 Prozent über den Körper“, glaubt Heintz: „Ich hatte in Prinzip nur 20 Prozent zur Verfügung.“
Damit er mit der Rolle des Gejagten zurechtkommt, kann sich Heintz auch vorstellen, schon im Vorlauf „volles Ballett“ zu schwimmen, statt ein paar Körner zu sparen.
Eines aber wusste Heintz schon wenige Minuten nach dem Finale ganz sicher: Der verpasste EM-Titel bringt ihn perspektivisch weiter. „Auch wenn es jetzt weh tut, mit Blick auf Tokio war es leider das Richtige“, sagte er – und lächelte dabei. sid