Osnabrück – Der letzte Laufweg an einem emotionalen Abend fiel den 1860-Profis erkennbar schwer. Während sich die lilaweißen Fans nur schwer beruhigten nach dem späten Ausgleich zum 2:2 (Alvarez), schien in der anderen Ecke des Stadions alles in Zeitlupe abzulaufen. Die entkräfteten Münchner trotteten mit letzter Kraft zum Beifallspenden vor der Kurve – leiser Applaus kam zurück, denn zum Pfeifen bestand auch wahrlich kein Anlass.
Zwar hatten die Löwen vor der Pause bange Momente zu überstehen, doch sie führten durch Treffer von Adriano Grimaldi (35.) und Simon Lorenz (47.) mit 2:0, hatten sogar Chancen auf ein drittes Tor. Dann jedoch zahlte der Aufsteiger Lehrgeld. Manuel Farrona Pulido (76.) brachte den leidenschaftlich kämpfenden VfL auf 1:2 heran, Felix Schiller sah nach einer Notbremse Rot (82.), doch auch zehn Osnabrücker steckten nicht auf und kamen mit der letzten Chance der vierminütigen Nachspielzeit zum Ausgleich. „Für mich fühlt es sich an wie eine Niederlage“, sagte Grimaldi, der nach 70 Minuten mit Krämpfen aus dem Spiel gegangen war. Phillipp Steinhart meinte gequält: „Wenn du so ein spätes Tor kassierst, bist du in der Liga angekommen.“
„Willkommen im schönsten Stadion der 3. Liga“, rief der VfL-Ansager ins Mikro. Eine Prise VfL-Stolz, der der überzeugte Giesinger zwar widersprechen dürfte, doch gewisse Parallelen zwischen Bremer Brücke und Giesinger Kultkampfbahn sind tatsächlich unübersehbar. Beide Stadien mitten in einem Wohngebiet gelegen, fröhliche Fans mit Bierflaschen in der Hand, die aus allen Richtungen strömen, alles friedlich, urban, Fußball in seiner Reinform. Was allerdings ein Alleinstellungsmerkmal der Bremer Brücke sein dürfte: Der Presseraum dient zugleich als Fußballmuseum, in der es für Nostalgiker herrliche Relikte von anno dazumal zu entdecken gibt. Einen Vorläufer des Kicktipp-Spiels mit Spielern auf lenkbaren Schienen, die WM ’74-Maskottchen Tip und Tap, sogar ein Schwarzweiß-Foto von einem der süßesten VfL-Erfolge war ausgestellt: eine Erinnerung an den 5:4-Pokalerfolg beim FC Bayern in der Saison 78/79.
40 Jahre ist das bald her. Die Gegenwart an der Hase (Kreuzworträtselwissen: Osnabrücker Stadtfluss) ist nicht ganz so glanzvoll. Nur mit einigem Glück und Lizenzpech der Konkurrenten hat der VfL die letztjährige Saison unbeschadet überstanden. Umso erfreulicher für den Stolz der Osnabrücker die Momentaufnahme vor dem Spiel: Die Lilaweißen grüßten von Tabellenplatz zwei – und legten entsprechend selbstbewusst los.
Die auf nur einer Position veränderten Löwen (Lex für Abruscia) hätten sich nicht beschweren dürfen, wenn schon nach zehn Minuten der Affenfelsen (spezielle Fanecke an der Bremer Brücke) gebebt hätte. Uli Taffertshofer, der Ex-Hachinger, köpfte einen Freistoß gegen die Latte, und auch sonst hatten die Gäste manch brenzlige Situation zu überstehen. Auch der gefürchtete „Ochsensturm“ Mölders/Grimaldi war am eigenen Strafraum mit Defensivkopfbällen beschäftigt und schaffte es kaum mal, sich offensiv in Szene zu setzen.
Aber: Irgendwie schafften es die Löwen, die ersten Angriffswellen des VfL zu überstehen – bis sich langsam, aber sicher erste Torannäherungen ergaben: Erst köpfte Grimaldi in die gewohnte Richtung (30.), dann zog Moll aus der Distanz ab (33.). Und dann ging alles ganz schnell. Es gab Freistoß, Steinhart schlug ihn gewohnt scharf vors Tor, Körber bekam den verzinkten Ball nicht zu fassen, zur Stelle war aber Grimaldi. Der frühere Osnabrücker (2012 bis 14) staubte ab. Und Simon Lorenz legte nach der Pause das 0:2 nach. Vorangegangen war erneut ein Freistoß, diesmal von Wein.
Als die Bremer Brücke späte Eruptionen erfuhr, war Daniel Bierofka auf sich alleine gestellt. Co-Trainer Oliver Beer verbrachte die letzten 35 Minuten eines hitzigen Drittligaspiels auf der Tribüne, wohin ihn Schiedsrichter Ittrich wegen einiger Belehrungen in Richtung Linienrichter verwiesen hatte. Es wurde geklatscht, gejohlt, geschrieben – bis zum späten VfL-Jubel, der für 1860 eine bittere Begleiterscheinung hat: Statt Platz zwei in der Tabelle steht der Aufsteiger bis zum Uerdingen-Heimspiel am Sonntag auf Platz zehn.