München – Die Karriere des Trainers Otto Rehhagel endete vor sechs Jahren. Er war 73 und erzählte vom Krieg.
Eine letzte Mission war ihm angetragen worden: Hertha BSC zu retten, den Berlinern Erstliga-Fußball erhalten. Es ging schief. Rehhagel war der dritte Trainer in einer verkorksten Saison, nach Marcus Babbel und Michael Skibbe. Manager Michael Preetz’ finale Karte. Rehhagel rutschte mit Hertha in die Relegation, er verlor sie gegen Fortuna Düsseldorf, den Dritten der 2. Liga. Das Spiel in Düsseldorf geriet am Ende aus den Fugen, mit einem Platzsturm der Fortuna-Fans. Vor dem DFB-Sportgericht, das den Einspruch Berlins zu behandeln hatte, erklärte Rehhagel. „Ich hatte Halb-Angst. Ich habe 1943 bei der Bombardierung der Amerikaner in Essen im Keller gesessen, da hatte ich Angst. Ich weiß, was da passieren kann. Es war ein Ausnahmezustand.“
Herthas Abstieg wurde bestätigt, Rehhagels Amtszeit endete mit einem Scheitern.
Heute wird Otto Rehhagel 80 und kann zurückblicken auf eine imposante Vita im Fußball. „Kind der Bundesliga“ hat er sich genannt. Bis 1972 spielte er (als harter Verteidiger in Berlin und Kaiserslautern), danach wurde er ein junger Trainer, der zunächst Schwierigkeiten hatte, seinen Platz zu finden. Saarbrücken, Offenbach, Dortmund, Bielefeld, Düsseldorf, fünf Arbeitgeber in acht Jahren. In Dortmund flog Rehhagel nach der Rekordniederlage von 0:12 gegen Mönchengladbach.
Doch dann: Bremen. Die Station seines Lebens. Eineinhalb Jahrzehnte (1981 bis 95). Werder forderte die Bayern heraus, gewann Meisterschaft und Pokal, berauschte mit sagenhaften Europapokal-Aufholjagden, lieferte Spektakel in die deutschen Wohnzimmer – so kontrolliert, wie Rehhagel es immer vorgab, war die Offensive gar nicht.
Rehhagel war populär wie kein anderer Bundesliga-Trainer. Der Mann, der relativ konsequent auf der Bank Ballonseide trug (Arbeitskleidung), der seinen Spielern in jungen Jahren schon zum Eheschluss als dem Entree ins gefestigte Leben riet und der auch mit schwierigeren Charakteren wie Mario Basler zurecht kam. Doch es gab auch die unsouveräne Seite des Otto Rehhagel. Ein Mensch voller Misstrauen – besonders gegenüber den Medien. Seine Freunde waren Sportstudio-Moderator Dieter Kürten, mit dem ihn die gemeinsame Herkunft aus Essen verband (Begrüßung: „Wie isset? – Wie soll et sein?“), der untertänige Rolf Töpperwien (ebenfalls ZDF), den die Süddeutsche Zeitung einmal Rehhagels „Putzerfischchen“ nannte; andere ließ der Meister gerne mal abblitzen, unter anderem die Welt-Reporterin Ulla Holthoff („Verbinden Sie mich mit dem zuständigen Redakteur“). Als er 1995/96 sich als Trainer des FC Bayern versuchte, rieb Rehhagel sich in diversen Feindschaften mit Journalisten auf. Die wiederum waren unerbittlich hinter ihm her – und fanden etwa heraus, dass er am Klingelschild seiner Wohnung ein Pseudonym angebracht hatte. Rubens. Wie der Maler. Rehhagel, gelernter Anstreicher, pflegte das Image des Kulturmenschen, er zitierte Goethe. Zu seinem Zirkel zählt daher auch einer wie der Theaterintendant Jürgen Flimm.
Das knappe Jahr in München wurde zum Misserfolg. Bayern-Präsident Franz Beckenbauer, der Rehhagel mit einer „Otto. . . find’ ich gut“-Kappe begrüßt hatte, feuerte den Trainer und wurde für die letzten Spieltage und die UEFA-Cup-Finals gegen Bordeaux sein Nachfolger.
Rehhagels Rache: 1998 wurde er Deutscher Meister mit dem 1. FC Kaiserslautern, den er in der 2. Liga übernommen und nach oben geleitet hatte. Meister als Aufsteiger – wird’s wohl nie mehr geben, bleibt mit Rehhagel verbunden.
Ein Coup von vergleichbarer Dimension, sogar international: Europameister mit Griechenland 2004. Alle Welt spielte bereits Viererkette, nur Ottos Hellenen nicht. „Gewinnen ist modern“, sagte er, bot einen Libero auf (Traianos Dellas) und setzte vorne auf die Kopfballstärke von Angelos Charisteas von seinem Ex-Club Werder Bremen.
Während dieser EM in Portugal gefiel Rehhagel sich darin, ein paar Gefechte mit alten Gegnern aus der deutschen Medienwelt auszutragen; doch selbst die, in denen er seine Feinde sah, konnten sich dem Zauber dieser Geschichte nicht entziehen: Dieser ältere Herr (66 damals), wie er nach dem Finalerfolg gegen Portugal um seinen jungen Superstar Cristiano Ronaldo über den Rasen von Lissabon fetzte, dass ihm vor Tempo seine umgehängte Akkreditierung um die Ohren schlug.
Er hat dann in Griechenland zu lange weitergemacht, sechs Jahre noch, aber der Mann, selbst von seiner Ehefrau Beate als „Der Trainer“ bezeichnet, war eben für lange Karrieren. Oft genug hat er für ältere Spieler noch erfüllende Rollen gefunden.
Er trifft in seinem jetzigen Leben die Wegbegleiter von früher immer noch. Im Januar hat Otto Rehhagel bei der Eisfußball-Weltmeisterschaft in Arosa eine Weltauswahl gecoacht. Er fühlt sich nicht zu alt für so was.