München – Die Beine sind noch immer muskulös wie bei einem Profi, der voll im Saft steht. Man sieht das gut, der Mann trägt Trainingsklamotten, Shirt und Short in Farben des FC Bayern, und würde da nicht sein Kürzel „MK“ stehen, wo bei Spielern die Rückennummer zu lesen ist, wäre es nicht weiter verwunderlich, wenn Miroslav Klose gerade vom Spielfeld gekommen wäre, wo er vorn im Angriff ein paar Kisten gemacht hätte. Aber das war mal. Klose, 40, startet am Samstag mit Bayerns U 17 um 11 Uhr auf dem Campus gegen Wehen-Wiesbaden in die B-Junioren-Bundesliga. Als Trainer.
Klose betritt Neuland, erstmals sind seine muskulösen Oberschenkel nur noch eine Fußnote, nicht viel mehr als eine Referenz an eine überaus erfolgreiche Karriere. Die 15-, 16-Jährigen, aus denen er gestandene Fußballer machen soll, waren anfangs schon recht ehrfürchtig, erzählt er. Autogramme musste er zwar keine geben, aber er hatte gut zu tun, um erst mal das Eis zu brechen. „Ich musste ihnen zeigen, dass ich ein ganz normaler Typ bin und kein Superstar.“ Letzte Woche waren sie im Trainingslager in Österreich einige Tage am Stück eng beieinander, und so langsam wird’s, findet Klose.
Es ist für beide Seiten nicht so einfach; für den Coach bei seiner ersten Aufgabe als Chef ebensowenig wie für die Talente, die, als er vor fünf Wochen urplötzlich vor ihnen stand, ja auch erst mal wissen wollten, was alle wissen wollen: Er war bei der Nationalelf in Russland im Trainerstab dabei – wie konnte das Unternehmen Titelverteidigung so kolossal scheitern? Klose will lieber nach vorn schauen, allerdings weiß er auch, dass er aus Russland unfreiwillig viel Anschauungsmaterial mitgebracht, wie es nicht geht. „Ich bin zu 1000 Prozent überzeugt, dass Joachim Löw der Richtige ist“, sagt er, „aber es müssen einige Dinge hinterfragt werden.“ Die Eitelkeiten im Hintergrund etwa oder die Tatsache, dass gegen Mexiko der Schiedsrichter deutsche Spieler in der Rückwärtsbewegung überholte. „Das ist mir nie passiert“, sagt Klose. Dann schließt er die Akte DFB. Kein Wort mehr. Redet er über Bayerns U 17, spricht er von „meiner Mannschaft“.
Die Jungs „wollen aufsaugen“, sagt er, das gefällt ihm, er war auch so: Er habe immer alles wissen wollen, habe im Internet nachgelesen, wie sich der Torwart des Gegners verhält, wenn er auf ihn zustürmt. Sobald Klose mit dem Ball im Sechzehner auftauchte und sah, dass der Torhüter seine linke Hand ausfuhr, wusste Klose, wo er hinschießen musste. So wird man Rekordschütze der WM. Dass man das aber nicht so einfach auf Talente übertragen kann, war seine erste Lektion.
„Ich habe die Burschen in den ersten Tagen überfrachtet, das war ein Fehler“, sagt er, „aber ich habe schon als Spieler kaum einen Fehler zwei Mal gemacht.“ In seiner neuen Tätigkeit müsse er nun so verfahren: „Informationen geben, zwei bis drei Wochen warten, dann Nuancen verfeinern, dann das Nächste. Alles Stück für Stück.“ Stück für Stück, das ist generell ein gutes Motto: Er selbst hat sich einst in kleinen Schritten entwickelt, wurde anfangs sogar übersehen. Und auch jetzt als Coach soll es etappenweise nach oben gehen. Das Ziel ist, mal Bundesliga-Profis zu betreuen. Aber eins nach dem anderen. Jetzt will er erst einmal bei Talenten „die Visiere öffnen“, wie er es sagt, „Ehrgeiz kannst du nicht trainieren, und ein Spieler muss immer unberechenbar sein“.
Die Diskussion, Deutschland würden Angreifer wie er es war fehlen, sieht Klose gelassen. Im letzten Jahr hat er mit den stürmischen Talenten bei den DFB-Junioren gearbeitet, schlecht waren die alle nicht, sagt er. Am besten gefallen ihm Typen wie Robert Lewandowski, „du brauchst so einen vorne im Teich“, solche Gesamt-Pakete möchte er bei Bayern schulen, meint er. Und wenn einer einen Salto macht nach einem Tor, so wie er früher, sei das in Ordnung: „Wenn er es denn kann.“
Klose muss sich selber als Trainer noch erfinden, aber er geht mit Feuer an die Aufgabe heran – und hat in seiner Karriere selbst viel aufgesaugt. Im Training kickt er immer wieder mal mit, erst gestern versenkte er einen Freistoß aus 25 Metern im Winkel, „da bin ich gleich in die Kabine, hab den Jungs gesagt: ,Ich muss zur Presse’“, witzelt er.
Auf seinem Unterschenkel ist ein großes Tattoo, es zeigt unter anderem eine Uhr. Bei Talenten muss man Geduld haben. Für einen jungen Trainer, der selbst noch im Saft steht, ist das vielleicht die größte Herausforderung.