Aufbauprogramm ohne Neue

von Redaktion

Gefrustete WM-Fahrer setzen ein erstes Ausrufezeichen beim FC Bayern – Lewandowskis Explosion

Von Elisabeth Schlammerl

Frankfurt – Robert Lewandowski hat sich viel Mühe gegeben mit dem kleinen Präsent und das Trikot noch ordentlich gefaltet, ehe er es dem ungeduldig wartenden Carlos Salcedo in den Katakomben des Frankfurter Stadions überreichte. Der Stürmer war nicht der einzige Spieler des FC Bayern, der am Sonntagabend sein Dress los wurde. Grundsätzlich ist das nichts Ungewöhnliches. Aber in der Mannschaft, die Eintracht Frankfurt im Supercup 5:0 düpierte, standen eben vor allem von oder wegen der WM gefrustete Nationalspieler – und deren Trikots hatten zuletzt deshalb deutlich an Wert verloren.

Dieser Merchandising-Aspekt dürfte Niko Kovac allerdings ziemlich egal gewesen sein, als er all jene Profis vor zwei Wochen in München zum verspäteten Trainingsstart empfing, die Russland zuvor enttäuscht verlassen hatten. Um erfolgreich arbeiten zu können, musste der neue Bayern-Trainer, die Betroffenen auf andere, erfreulichere Gedanken bringen. Das fiel leichter, als viele gedacht hatten. Beim Supercup-Sieg, dem ersten Titel unter Kovac, waren keine Nachwirkungen zu spüren, nach außen hin zumindest. „Wir waren sehr dominant, aktiv, die Körpersprache war super“, sagte Thomas Müller.

Kovac hatte vielleicht ganz bewusst seine Ankündigung wieder verworfen, gegen seine ehemalige Mannschaft auf Spieler mit unterschiedlicher Vorbereitungsstand zu setzen, also solchen, die seit sechs Wochen trainieren und jenen, die mit Verspätung in eingestiegen waren. Stattdessen bot er eine Elf auf, die sich nicht groß unterschied von der im vergangenen Jahr. Neuzugang Serge Gnabry fehlte ebenso angeschlagen wie Rückkehrer Renato Sanches, Leon Goretzka saß erst einmal nur auf der Bank. Und auf den Außenpositionen wirbelten Franck Ribery und Arjen Robben wie in den vergangenen zehn Jahren, nur nicht mehr ganz so schnell. Der Umbruch bei Bayern, so scheint es, muss noch warten.

Vielleicht gehörte das Festhalten an den bewährten Kräften einfach nur zu Kovac’ Aufbauprogramm, wenngleich er findet, dass dies gar nicht nötig sei. Die Nationalspieler hätten „so viel Ehrgeiz in sich und motivieren sich selbst. Die Trotzreaktion war heute zu sehen und die wird die ganze Saison zu sehen sein“, ist sich Kovac sicher.

Trotzdem könnte ihn diese WM-Aufarbeitung noch länger beschäftigen. Denn verarbeitet ist das Debakel, vor allem das der Deutschen, noch nicht ganz. „Es war die größte Enttäuschung, die ich bisher im Sport erleben musste“, gab Mats Hummels am Sonntag zu. „Das wird schon noch ein bisschen wehtun.“

Ein Problem, das nun gelöst sein könnte, hatte nur am Rande mit der WM zu tun. Lewandowski war ja schon vor dem frühen Aus von Polen gefrustet, bereits zu einem Zeitpunkt, als die Bayern noch die Chancen hatten, das Triple von 2013 zu wiederholen. Für nicht wenige im Umfeld des Clubs steht der Pole sinnbildlich für das Scheitern im Champions League-Halbfinale und im Pokal-Endspiel. Die Sehnsucht nach einem Vereinswechsel hatte ihn gehemmt, als es im Frühjahr darauf angekommen war.

Die Einsicht, dass die Bayern nicht gewillt sein werden, ihn ziehen zu lassen, scheint wie eine Befreiung gewirkt zu haben. „Ich habe ihm gewünscht, dass er explodiert“, fand Sportdirektor Hasan Salihamidzic.

Von den fünf Bayern-Toren erzielte Lewandowski drei, für die anderen beiden sorgten Coman und Thiago. Dazu lieferte er sich ein hitziges Privatduell mit Frankfurts David Abraham, bei dem er sich besser im Griff hatte als der Eintracht-Kapitän. Der verabschiedete den Polen kurz vor dessen Auswechslung mit einem leichten Schlag ins Gesicht und hatte Glück, dass diese Unsportlichkeit weder der Schiedsrichter sah noch der Videoassistent. Sein Trikot hätte Lewandowski seinem Widersacher vermutlich nicht überlassen, erst recht nicht fein säuberlich gefaltet.

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