STABHOCHSPRUNG

Blindflug ins Glück

von Redaktion

Mit einem Satz über 6,05 m katapultierte sich der junge Schwede Duplantis in die Topliga

Berlin – Der erste Gratulant war das große Vorbild. Als „Wunderkind“ Armand Duplantis am Sonntagabend die Stabhochsprung-Welt auf den Kopf gestellt hatte, umarmte ihn der französische Weltrekordler Renaud Lavillenie und flüsterte ihm die ersten Glückwünsche ins Ohr.

„Er hat gesagt: Genieße den Moment! Nicht viele Momente werden so schön sein“, berichtete Duplantis – schob aber hinterher: „Glaube ich zumindest.“ Denn, das war dem 18 Jahre alten Schweden deutlich anzumerken, realisieren konnte er seinen Erfolg an einem denkwürdigen Abend nicht wirklich. EM-Gold, U 20-Weltrekord mit 6,05 m, jüngster Athlet der Geschichte über der Sechs-Meter-Marke – lediglich Sergej Bubka war im Freien überhaupt jemals besser.

Der Wettbewerb war das sportliche Highlight der EM. „Ich kann mich an den Sprung nicht erinnern. Ich würde es gerne, aber ich glaube, mein Gehirn hatte einen Blackout“, sagte Duplantis überwältigt: „Ich hoffe einfach, dass ich morgen aufwache und es noch wahr ist.“

Das war es. Und es war im Prinzip der Höhepunkt einer jahrelangen Entwicklung. Mit fünf Jahren übte Duplantis mit einem Besenstiel im heimischen Wohnzimmer, mit sieben Jahren stellte er eine erste Weltbestleistung auf und brach danach so ziemlich jeden Nachwuchsrekord, den es gab. In den USA, wo Duplantis lebt und gerade die High School abgeschlossen hat, wurde er bereits als „Tiger Woods des Stabhochsprungs“ bezeichnet.

Doch sein Vorbild heißt Lavillenie, 31, in seinem Bücherregal steht eine signierte Biografie, früher hing er Poster des Franzosen in seinem Kinderzimmer auf. In Berlin ließ er ihm nun keine Chance, Lavillenie gewann Bronze. Das Talent wurde Duplantis in die Wiege gelegt. Sein Vater Greg war selbst ein 5,80-m-Springer, Mutter Helena, einst von Schweden in die USA gezogen, Siebenkämpferin und Volleyballerin.

Greg erzählte mal, dass der kleine Armand noch in Windeln auf die Bäume des Nachbargartens kletterte. Damit „Mondo“, wie Duplantis mit seinem Spitznamen genannt wird, sein Talent auch richtig entwickeln konnte, baute ihm der Vater im Garten eine eigene Stabhochsprunganlage.

Früh stellte sich die Frage, für welches Land Duplantis, der beide Staatsbürgerschaften besitzt, international antreten wird. Er entschied sich für Schweden – um auch den harten Trial-Ausscheidungen in den USA aus dem Weg zu gehen. Im Sommer lebt Duplantis ohnehin bei seinen Großeltern in Schweden, die den Erfolg ihres Enkels mit den Nachbarn und einer Flasche Champagner vor dem Fernseher feierten. Es dürfte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass sie auf „Mondo“ anstoßen.  sid

Artikel 1 von 11