Unterhaching – In der Regel kommen Fußballer in einem Auto zum täglichen Training, und gerne handelt es sich dabei um Fabrikate, für die Normalbürger länger sparen müssen. Bei der SpVgg Unterhaching fallen die Gehälter weniger üppig aus, doch Luca Marseiler hat sogar für die Verhältnisse am bodenständigen Sportpark ein ungewöhnliches Fahrzeug, mit dem er jeden Tag beim Training aufkreuzt. Bevor er in die Umkleide geht, parkt er vor dem Vereinsheim sein Radl.
Mit dem Drahtesel täglich zu den Übungseinheiten, das ist in Haching nichts Neues, aber dennoch immer wieder charmant. Sogar zu Erstligazeiten der „Rot-Blauen“, als die Autos dann auch bei den Profis der SpVgg größer waren, strampelte Ralf Bucher jeden Tag in den Sportpark. Der Innenverteidiger, studierter Ingenieur und einer der urgesteinigsten im Verein, bewahrte sich auch noch seine Normalität, als er gegen die millionenschweren Stars des FC Bayern, von Dortmund oder Schalke seinen Mann stand. Die Fans liebten Ralf Bucher. Marseiler ist als Radler aus der Nachbarschaft in bester Gesellschaft. Und wie für Bucher könnte es für ihn hoch hinaus gehen. „Macht er so weiter, wird er nicht mehr lange in der Dritten Liga spielen“, sagte sein Trainer Claus Schromm nach dem 2:1 über Rostock am Samstag. Marseiler hatte sein zweites Tor binnen vier Tagen geschossen.
Der 21-Jährige musste gehörig strampeln, um dahin zu kommen, wo er jetzt ist. Fünf Jahre versuchte er sein Glück beim FC Bayern. Seine Trainer dort hielten ihn für zu klein. Er war körperlich immer ein Nachzügler, und so wechselte er 2015 zu den B-Junioren der Hachinger. In Manfred Schwabl fand er bei den „Rot-Blauen“ einen Förderer. Auch der Präsident wurde einst als Talent als zu klein eingestuft, boxte sich aber dennoch bis zum Bundesligaprofi durch. „Luca ist einer, der auf dem Platz Dinge macht, die kein anderer hinkriegt – auf Typen wie ihn habe ich voll Bock“, sagt er.
In Haching legte Marseiler erst einmal furios los. Bei seinem Debüt in der Regionalliga, noch als A-Junior, bereitete er gleich ein Tor vor. 34 Mal lief er in der Vierten Liga auf, auch in den Pokalduellen mit den Schwergewichten Ingolstadt, Leipzig und Leverkusen war er mit von der Partie. Dann aber riss sein Kreuzband. Doch die Reha erwies sich womöglich gar als Nutzen. Denn als Schwabl gerade zu zweifeln begann, ob das Talent auch den Biss für eine Profikarriere habe, meldeten ihm die Physios, dass er sich beim Kampf ums Comeback vorbildlich ins Zeug lege. „Er hat das voll durchgezogen und sich auch von Zipperleins nicht entmutigen lassen“, so der Präsident. „Sein Vertrag läuft bis 2020 – ich hoffe, er bleibt uns länger.“
Das erste Tor in der Dritten Liga hatte Marseiler eigentlich schon lange angekündigt, als es am dritten Spieltag in Cottbus so weit war, wollte er an und für sich zu seinem Präsidenten sprinten, als Dank für das Vertrauen und die Unterstützung. „Aber er war in dem Moment am anderen Ende des Platzes, er sagte mir dann, sorry, die Körner hätten da nicht mehr gereicht“, so Schwabl, „ich hab’ ihm gesagt: Luca, des passt scho’.“
Die letzten Körner investierte der 21-Jährige dann lieber in einen Jubeltanz. Das Video dazu studierte Schwabl später noch einmal auf einem Smartphone. „Alle Achtung – solche Bewegungen habe ich auf einem Fußballplatz noch nie gesehen“, lautet sein Urteil. „Solange er sich die Körner für Tore und Tänze aufspart, muss er nicht zu mir rübersprinten.“ Am liebsten hätten die Hachinger schon am Mittwoch ab 16 Uhr in der ersten Runde des Toto-Pokals beim FC Emmering wieder ein paar Tore. Marseilers Körnerhaushalt passt immer besser. Vielleicht helfen ja auch die täglichen Radltouren als kleine Zusatz-Einheit.