München – Markus Ziereis hätte es noch verhindern können. Der Weg zum Tor war frei, der letzte Verteidiger gestolpert. Doch er, der Stürmer, wollte nicht schießen, er versuchte, den Ball quer zu legen. Ziereis fiel, das 2:2 aber nicht. Sein Pass war nicht angekommen. Es war in jener 85. Minute wie so oft an diesem Pokalabend im Grünwalder Stadion: Es fehlte nicht viel.
Nun kann man dieses Fußballspiel mit einem Blick auf den Endstand nüchtern betrachten: Der Drittligist TSV 1860 hat in der ersten Runde des DFB-Pokals mit 1:3 gegen den Zweitligisten Holstein Kiel verloren. Man kann es aber auch mit Löwen-Stürmer Adriano Grimaldi halten, der sagte: „Wir verschenken das Spiel innerhalb von 15 Minuten.“ Bis zur 74. Minute führte sein Team mit 1:0.
Dass der TSV überhaupt soweit kam, hat viel mit Trainer Daniel Bierofka zu tun. Er wählte eine clevere Strategie. Um das eigene Pressing anzukurbeln – Kiels Trainer Tim Walter schwört auf Ballbesitzfußball – ersetzte er Sascha Mölders durch Nico Karger, opferte den wuchtigen Körper seines Stammstürmers für Kargers flinkere Beine. Der Effekt war schon nach sieben Minuten zu bestaunen: Ballverlust Kiel, ein geschickter Steilpass von Grimaldi – und Karger flitzte davon. Er tanzte dann Innenverteidiger Dominik Schmidt aus und tunnelte Torhüter Kenneth Kronholm – 1:0.
„Wir wollten pressen und den Ball gewinnen“, sagte Grimaldi. „Wir wussten, dass sie hinten offen sind.“ Tim Walter erklärte das hinterher so: „Wenn wir unser Spiel aufziehen, dann ist immer mal wieder ein Abspielfehler drin. Das dürfen wir uns nicht erlauben.“ Fast wäre es aber noch einmal schiefgegangen. Karger hatte den Ball in der 27. Minute nach einem Steinhart-Pass schon ins Tor geschoben, doch die Fahne des Linienrichters war gehoben, der Ball vor Steinharts Vorlage wohl im Aus. Bierofka sagte: „Ein paar Zentimeter.“
Und trotzdem deutete zu diesem Zeitpunkt viel darauf hin, dass Bierofka seinen alten Rivalen Tim Walter gerade „auscoachte“, wie man die Wahl der geschickteren Taktik im modernen Fußballwortschatz nennt. Im vergangenen Jahr trainierten Bierofka und Walter (FC Bayern II) noch in der Regionalliga. Bierofka stieg in die 3. Liga auf – mit seiner eigenen Mannschaft. Walter stieg in die 2. Liga auf – weil Holstein Kiel ihn verpflichtete. Die beiden Trainer wissen genau, wie der andere fußballerisch tickt. Das hatte Bierofka für seinen Platz genutzt. „Wir sind gut angelaufen und haben die Räume zugemacht“, sagte Grimaldi. „Sie hatten nur die langen Bälle und die kamen auch nicht an. Ich weiß nicht mal, ob sie bis zum Tor eine richtige Torchance hatten.“
Das änderte sich aber spätestens in der 74. Minute. Der eingewechselte Aaron Seydel legte von der Grundlinie zurück, Alexander Mühling stand alleine in der Mitte – und traf. „Wir haben ein bisschen was umgestellt, um noch mehr Tempo ins Spiel zu bekommen“, sagte Walter. Er sei stolz auf seine Mannschaft, weil sie „sehr, sehr geduldig“ gewesen sei. Auch Grimaldi musste zugeben, dass Kiel „sehr kontriert geblieben ist“ und „das gut ausgespielt hat.“ Zu Mühlings zweitem Treffer meinte er dann nur: „Das war ein super Distanzschuss.“
Tatsächlich hatte der Mittelfeldspieler den Ball mit einem schicken Schlenzer über Marco Hiller, den 1860-Pokalstammtorhüter, verwandelt. Und weil Ziereis eben die Chance Ausgleich verspielte und Kiels Kingsley Schindler kurz darauf sogar noch zum 3:1 traf, fasste Adriano Grimaldi nach dem nächsten späten K.o. zusammen: „Das ist eine richtig bittere Situation – mal wieder.“