Jäger und Sammler

von Redaktion

Uli Hoeneß kritisiert den DFB, plädiert für die Abschaffung von 50+1 und stellt Rücktrittsgedanken in den Raum

VON ANDREAS WERNER

München – Wäre es ein Fußballspiel gewesen und nicht die TV-Talkshow „Wontorra“ bei „Sky Sport News HD“, hätten sich die Fans über eine äußerst unterhaltsame Nachspielzeit gefreut. 90 Minuten hatte Uli Hoeneß über den neuen FC Bayern geplaudert, den er „bestens, bestens, bestens“ aufgestellt sieht. Als es aber um die Aufarbeitung der WM und das generelle Bild des DFB ging, legte er erst los.

Der ewige Jäger und Sammler des deutschen Fußballs sorgt sich um das Zusammenspiel von Profis und Fans, zu viel Geld, Bling-Bling und Social Media stünden da dazwischen. „Wenn ich nach unserem verlorenen Pokalfinale die Spieler in der Kabine schon wieder twittern sehe, werde ich wahnsinnig“, sagte der Clubchef, und als er hörte, dass die Nationalelf in ihrem Trainingslager in Eppan kein öffentliches Training abgehalten habe, fand er das „einen Hammer – die Leute haben ein Recht, ihre Stars zu sehen“. Da müsse wieder „ein Wandel kommen – denn nur dann sind die hohen Gehälter gerechtfertigt. Die Spieler verlieren den Blick für die Realität.“ Als die Bayern eine Woche lang am Tegernsee ihr Trainingslager abhielten, hatte der Verein bewusst eine öffentliche Einheit pro Tag einberaumt. Beim Teamabend im „Freihaus Brenner“ sprach Hoeneß einleitend ein paar Worte, die auch die Profis in die Pflicht nahmen, die Fans mehr ins Boot zu lassen.

Den DFB sieht Hoeneß in dieser Sache nicht nur in Eppan auf Irrwegen. Der Verband hat sich in seinen unzähligen Marketingkonstrukten verloren. Alles dreht sich ums liebe Geld, wofür Hoeneß prinzipiell Verständnis hat, aber nur, solange es nicht überdeutlich auf Kosten der Basis geht. Tickets gegen Kasachstan dürften nicht 80 bis 100 Euro kosten, meinte er. Pro Partie kassiere der Verband fünf bis zehn Millionen vom Fernsehen, „da kannst du den Leuten nicht noch gegen Färöer, Andorra, San Marino das Geld aus den Taschen gehen. Da brauchst du dich nicht zu wundern, wenn kein Mensch mehr kommt.“

Hoeneß rät zu einer Reform: Man müsse die Nationalelf herauslösen, mit einem eigenen professionellen Management. Er schlug da in die gleiche Kerbe wie kürzlich Karl-Heinz Rummenigge, der auch bei der DFL neue Strukturen angeregt hat, nicht zuletzt wegen des Umgangs mit der 50+1-Regel, zu der Hoeneß ebenfalls eine klare Haltung zeigte: „Wir waren für die Abschaffung“, weil es anderen Vereinen die Möglichkeit gäbe, die Distanz zu ihnen zu verkürzen. Er habe nie verstanden, dass Dortmund dagegen sei, „da will man wohl Konkurrenz flach halten, aber das ist falsch“. Die Angst, die Münchner würden das meiste Kapital aus einer Neuordnung schlagen, sei unbegründet, sagte Hoeneß: Die Bayern sind ihren Mitgliedern verpflichtet, 70 Prozent beim Verein zu halten. Aus Russland lag mal ein Angebot von 250 Millionen für zehn Prozent vor – man habe aber abgesagt. Die Münchner bleiben lieber Herr im eigenen Haus, und es geht auch so. Aktuell würden sie „Geld sammeln, falls wir nächstes Jahr mal ein paar größere Transfers angehen müssten“, sagte Hoeneß.

Ob er selbst aber noch lange die Dinge lenkt, ließ er offen. Rummenigges Vertrag als Vorstandschef läuft 2019 aus, Hoeneß muss sich fast zeitgleich im November zur Wiederwahl stellen. „Es wäre extrem unklug, wenn wir beide gleichzeitig aufhören“, sagte er: „Ich würde es sehr begrüßen, wenn Karl-Heinz über 2019 weitermacht.“ Er selber müsse an seine Familie denken, so der 66-Jährige, seine Frau Susi stand ihm in schweren Zeiten bei, „die Rechnung dafür liegt auf dem Tisch – ich weiß nur nicht, wann ich sie gegenzeichnen werde“. Allerdings dürfte es vielen Fans schwerfallen, sich den deutschen Fußball ohne diesen Mann vorzustellen, der wie nur wenige weiß, wann man aggressiv jagen und wann bescheiden sammeln muss.

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