Man kann Reinhard Grindel in diesen Punkten nicht widersprechen: Dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft sich „Die Mannschaft“ nennt (eine Anmaßung sondergleichen, als gäbe es keine andere), kommt bei der Basis nicht gut an. Auch dass Oliver Bierhoff, der als Teammanager der Nationalmannschaft anfing, als sie noch nicht „Die Mannschaft“ war, als Direktor, dem 120 Mitarbeiter in der DFB-Zentrale unterstellt sind, eine Machtfülle hat, die auf ungute Weise ausgeufert ist – kann man so unterschreiben. Und dass „Die Mannschaft“ unter Bierhoff und Joachim Löw längst auf einem anderen Planeten lebt als der sehr große Rest des deutschen Fußballs – absolut einverstanden mit dieser These. DFB-Präsident Grindel prangert das alles in einem großen Interview an.
Beifall mag man dem Herrn Grindel dafür aber nicht spenden. Weil man bei ihm längst den Überblick verloren hat: Entspringt seine neue Meinung Erkenntnissen und steht sie für Ehrlichkeit – oder hat er sein Fähnlein nur wieder nach dem Wind ausgerichtet? Wie das schon während seiner ganzen Zeit als DFB-Funktionär der Fall war. Als CDU-Politiker war Grindel ein Skeptiker des Integrationsgedankens – bis ihn, den damaligen Schatzmeister, die DFB-Spitze zurückpfiff. Seit zweieinhalb Jahren ist Grindel selbst Präsident – und man kann sagen: Einen größeren Opportunisten hat es in diesem Amt noch nicht gegeben. Mal will Grindel Fans, die sich im Stadion daneben benehmen, ein paar Tage im Knast einsperren lassen, dann setzt er Stadionverbote aus, als er den Gegenwind verspürt. Nach der missglückten WM lässt er Bierhoff und Löw gewähren – sechs Wochen später glaubt er, ihnen in die Parade fahren zu müssen. Der ehemalige DFB-Pressesprecher Harald Stenger hat Grindel den „schlechtesten DFB-Präsidenten der letzten 50 Jahre“ genannt – wegen dieser „Wendigkeit“.
Grindel hat Bierhoff und Löw gewähren lassen, er hat nie etwas gegen „Die Mannschaft“ oder den missglückten Slogan „zsmmn“ gesagt, er ist bei Präsentationen stolz danebengesessen. Sein jetziges Klagen, die Mannschaftsleitung habe ihn bei der WM über zu wenig ins Bild gesetzt, ist ein weiterer Versuch, sich aus der Verantwortung zu nehmen. Und vor allem: peinlich.