München – Die Welt des Sports hat sich verändert, man spürt es, wenn man durch den „Kicker“ scrollt.
Nicht blättert. Das Nürnberger Sportmagazin, das bald 100 Jahre alt wird, ist sehr erfolgreich auf seinen elektronischen Verbreitungswegen, die „Kicker“-App ein digitaler Hit. Das Menü wird immer den Nachfragen der User angepasst – und gestern kam gleich unter dem Punkt „Nationalelf – Krisengipfel am Dienstag“ der Bereich „eSport – der kicker-Channel zu den Games“. Mit den Themen „Overwatch World Cup: Nur Korea stärker als Finnland“, einem Interview mit dem Community Manager des Computerspiel-Herstellers Electronic Arts und mit „Anweisungen und Taktik für Wehen Wiesbaden“ – falls in der Fußball-Simulation „FIFA 18“ jemand mit diesem unglamourösen Team virtuell zu spielen gedenkt.
Wahrhaft: eine andere Welt des Sports. Unsere zukünftige?
Der klassische Sport, körperbasiert und mit Schwitzen, kommt an den elektronischen Spielarten nicht mehr vorbei. Diese Woche wird daher nicht nur von den Vorschauen auf die Fußball-Bundesligasaison bestimmt, sondern auch von der Gamescom in Köln, der größten deutschen Spiele-Fachmesse. Vorgeschaltet ist ihr ein Kongress zu „Gaming & Media“, Teilnehmer sind unter anderem die FIFA, der DFB, die spanische La Liga, Schalke 04, Hamburger SV, VfB Stuttgart, Borussia Dortmund, Hannover 96, RB Leipzig, Hertha BSC, Werder Bremen, 1899 Hoffenheim, Bayer Leverkusen, Mainz 05, VfL Bochum, Union Berlin, Borussia Mönchengladbach, aus der Welt der Wirtschaft Größen wie SAP, Adidas, Allianz, Coca Cola, Rewe, Telekom.
Elf deutsche Fußball-Clubs haben mittlerweile Profi-Gamer unter Vertrag. Wer sich sträubt, ist der FC Bayern, dessen Präsident Uli Hoeneß allerdings weiß, „dass ich da wohl der einzige im Verein bin“. Der DFB will einen Teilbereich des elektronischen Spielbetriebs anerkennen. „Konsens besteht darin, dass die unter dem allgemeinen Begriff E-Sport praktizierten Gewalt-, Kriegs- und Killerspiele nicht zu den satzungsgemäßen Werten passen, die der DFB Kindern und Jugendlichen vermitteln will“, heißt es in einer Erklärung („Klare Linie“). „Sportlich relevante Computerspiele“ gehen in Ordnung, daher spricht der DFB von „E-Soccer“.
FIFA ist ein weltweit bekanntes Spiel, der Verkaufsstart der jährlichen Version wird für die E-Gemeinde ein Festtag – doch innerhalb des eSports ist die Fußball-Simulation nur eine Randdisziplin. Die großen Spiele sind League of Legends, World of Warcraft oder Dota2 (gerade wird in Vancouver die WM ausgetragen) – die Matches verfolgen Zehntausende in Hallen und Millionen auf der Internet-Plattform Twitch.
Auf der Gamescom wird zunächst virtuell Fußball gespielt. Eingebettet in die Messe ist die „ESL Sommermeisterschaft“ zwischen Mo Harkous (Werder Bremen) und Timo Siep (VfL Wolfsburg). Fußballer, deren Rasen der Bildschirm ist. Mit einem Controller in den Händen bewegen sie die Mannschaften, die den echten nachempfunden sind. Live-Übertragungen auf sport1.de und Youtube.
Zu den eSport-Aktivisten zählt Mesut Özil, der bei der E-Soccer-WM in London die Gründung eines eigenen Teams ankündigte. Uli Hoeneß’ eSport-Aversion dürfte das noch verstärken. Wenn er dann das noch hört: An der Hochschule für angewandtes Management in Ismaning gibt es einen neuen Bachelor-Studiengang: „eSports-Management“. Hoeneß’ Kampf wirkt schon verloren.