Um nur mal ein Beispiel zu nennen: Das zweite deutsche WM-Spiel gegen Schweden begann um 20 Uhr deutscher Zeit, kurz vor 22 Uhr war es beendet, die dramatische Schlussphase werden wir niemals vergessen. Um 22.33 Uhr hatte der Autor dieser Zeilen, der als WM-Berichterstatter in Russland vor Ort war, das Protokoll des Analyseanbieters Instats im E-Mail-Eingang. Ein happiges Datenpaket. Ein Matchreport, in dem jede Aktion jedes Spielers ausgewertet wurde (Umfang: Doktorarbeit), eine Auflistung, wer wen angespielt und wer wo Bälle verloren oder erobert hatte und wie schnell gewesen war. Dazu gab es Links zu Videozusammenfassungen: Deutsche Chancen, deutsche Konter, Schüsse, Ecken, Freistöße. Man konnte sich eine gute halbe Stunde nach dem Toni-Kroos-Treffer schon ein vertieftes Bild von diesem WM-Spiel machen. Und auch ein paar Tage nach dem Desaster gegen Südkorea: Instats hatte schon die Fakten geliefert, als Joachim Löw noch in der Pressekonferenz saß und sagte, er werde die WM analysieren müssen.
Heute soll er DFB-Vorstand und Managern aus der Bundesliga Erkenntnisse präsentieren. Zweite Erkenntnisse sozusagen, denn erste hat er dem Präsidium des Verbands ja schon dargelegt. Zwischen den beiden Phasen lag der Urlaub – und man wird schon fragen dürfen: Warum braucht es für eine Analyse so lange? Die Fans, die enttäuscht worden sind, haben das Recht auf Erklärungen.
Zumal die Fans ja auch ein willkommenes Publikum waren, als der DFB seine tollen Analyse-Tools aus dem Hause SAP vorstellte – eigens für den elitären Kreis der Nationalmannschaft im Silicon Valley entwickelt, damit sie einen technologischen Vorsprung genießt. Zudem ist bekannt, dass der DFB einen Chefscout (Urs Siegenthaler) und einen Chefanalysten (Christopher Clemens) beschäftigt. Und Löw hatte bei der WM vier (!) Assistenten, zwei mehr als noch 2014 in Brasilien.
Woran es sportfachlich gehapert hat, das liegt auf der Hand. Und ob es atmosphärische Störungen zwischen den Spielern gab, das muss der Bundestrainer ja mitbekommen haben, da braucht er im Nachgang nichts mehr zu eruieren. Kurzum: Eine Analyse über fast zwei Monate zu ziehen, das wirkt doch sehr nach Spiel auf Zeit.
Die Öffentlichkeit übrigens wird von der heutigen Analyse allenfalls Bruchstücke erfahren. Die richtige Präsentation gibt es erst gut eine Woche später, verbunden mit der Nominierung für die ersten beiden Länderspiele nach der WM. Die Zeichen des Aufbruchs und Neuanfangs sollen der Nachbetrachtung an Wucht nehmen. Durchschaubare Taktik. Wie die der deutschen WM-Spiele.