Im Rückwärtsgang vorwärts

von Redaktion

Kimmich hat die WM abgehakt – und sucht nun den richtigen Mix

München – Seinen Humor hat Joshua Kimmich jedenfalls wieder, obwohl ihn das frühe Aus bei der WM lange gewurmt hat. Als er gestern auf Robert Lewandowski angesprochen wurde, ob er Verständnis dafür hat, dass der Stürmer sich zwischendurch vom FC Bayern zu wenig geliebt gefühlt hat, sagte er: „Ich bin sicher, Robert weiß, wie wichtig er für uns ist. Mit ihm hat man eine Garantie auf 30 Tore.“ Kimmich lächelte verschmitzt und fügte dann an: „Wobei – letzte Saison waren es glaube ich nur 29. Das war ja fast enttäuschend.“

Der 23-jährige hat in letzter Zeit selbst erfahren müssen, wie schnell man vom umjubelten Helden zum kritisierten Schwachpunkt wird. In der vergangenen Saison wurde er für seine Vorlagenquote, seine Flanken und zahlreichen Vorstöße in die gegnerische Hälfte gefeiert, doch als sich seine Defizite in der Defensivbewegung nachhaltig niederschlugen, bekam er Gegenwind. In der anstehenden Spielzeit geht es für den gelernten zentralen Mittelfeldmann darum, auf seiner rechten Abwehrseite den richtigen Mix zu finden. Mehr Rückwärtsgang dürfte ihn vorwärts bringen. So paradox es klingt.

Er sei „heiß“, sagte er, „gerade, wenn man sieht, wie die letzte Saison geendet ist“. Die WM sei abgehakt, meinte er, aber die Analyse hat ihn im Urlaub schon lange begleitet. „Wie kläglich wir in Russland gescheitert sind, das war enttäuschend“, gab er zu, „es spukt jetzt zwar nicht mehr im Kopf herum, aber es pusht einen wieder“. Er habe gelernt, den Erfolg wieder mehr wertzuschätzen. Es sagt viel aus über den erfolgsverwöhnten deutschen Fußball, wenn ein 23-Jähriger so spricht. Und Kimmich ist einer, der sich immer viele Gedanken macht über seinen Beruf.

Die Philosophie sei bei der WM nicht das Problem gewesen, sagte er. „Mit dem gleichen System haben wir ja auch eine überragende Qualifikation gespielt. Wenn jeder an sein Leistungsmaximum gegangen wäre, hätte das System auch funktioniert. Für viele war das auch ein Alibi.“ Allerdings hatten die Gegner bei der WM eine andere Qualität als in der Qualifikation. Auf höchstem Niveau muss jeder seinen Platz finden und halten. An der Aufgabe wird Kimmich in dieser Saison feilen müssen. In dem Fall mit dem gebotenen Ernst.  awe

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