Handarbeit im Cockpit

von Redaktion

Als Gastfahrer wird Alessandro Zanardi beim DTM-Rennen in Italien starten – erstmals ohne seine Beinprothesen

München – Eigentlich war es nur eine Frage der Gelegenheit, dass Alessandro Zanardi bei einem DTM-Rennen starten würde. Was hatte der lebenslustige Italiener, dem nach einem Rennunfall vor 17 Jahren beide Beine amputiert werden mussten, danach alles gemacht. Bei den Paralympics hat er mit dem Handbike viermal Gold und zweimal Silber gewonnen, zehnfacher Weltmeister ist er und zweimal hat er beim Ironman-Triathlon auf Hawaii (Bestzeit: 9:40,37 Stunden) teilgenommen. Und als Rennfahrer war er auch wieder aktiv. Bei Sprintrennen im Tourenwagen, aber auch beim 24-Stunden-Rennen von Spa vor drei Jahren gemeinsam mit den DTM-Piloten Timo Glock und Bruno Spengler. Nur die DTM schien unerreichbar, ein geschlossener Zirkel. Bis sich der zweimalige Champion Mattias Ekström zu Beginn dieser Saison mit einem Gaststart in Hockenheim von seinen Fans verabschiedete. Damit war die Tür geöffnet, durch die Zanardi und BMW an diesem Wochenende beim DTM-Auftritt in Misano gehen.

Natürlich ist es Marketing: Alessandro Zanardi, der italienische Volksheld, startet auf dem Misano World Circuit Marco Simoncelli, direkt vor seiner Haustüre, die sich in Padua befindet. Doch Alessandro Zanardi wäre nicht der erfolgreiche Sportler, wenn er nur so dabei sein wollte. Der 51-Jährige bringt nicht nur den entsprechenden Ehrgeiz mit, sondern hat sich akribisch auf diesen Auftritt vorbereitet. Der Respekt seiner Konkurrenten ist jedenfalls groß. „Ich bin sicher, dass er uns das Leben schwer machen wird – er wird gegen uns kämpfen“, sagt Mercedes-Pilot Paul di Resta stellvertretend.

Wie sein BMW M4 von den Ingenieuren verbessert wird, hat der Pilot gemeinsam mit ihnen diskutiert. Und erst einmal ordentlich im Fußraum aufgeräumt. Denn der Rennfahrer, der in der Vergangenheit seine Prothese auf dem Bremspedal fixiert hatte, ist komplett auf Handarbeit umgestiegen. Alle Funktionen sind am Lenkrad vereint. Über einen Ring, den er zu sich herzieht, gibt er Gas, mit Wippen schaltet er die Gänge hoch und runter und über einen Knopf wird die Bremse aktiviert. Das ist Schwerstarbeit, etwa 60 bis 65 Kilogramm sind dafür jedes Mal nötig. „Beim ersten Losfahren aus der Box hat es sich sehr ungewohnt angefühlt, einen komplett leeren Fußraum ohne Pedalbox vor mir zu haben“, sagt Zanardi und lacht herzlich: „Zuerst dachte ich: ‘Das ist wirklich komisch!’“

Ungewohnt ist auf alle Fälle, dass der Mann, der 41 Formel-1-Rennen bestritten hat, sich ohne seine Prothesen ins Auto gleiten lassen wird. Gehalten wird er, wie seine Kollegen, von einem Sechspunkgurt zwischen den Beinen, an der Hüfte und an den Schultern. „Ohne die Prothesen bin ich wesentlich agiler“, erklärt er. Und auch leistungsfähiger.

Mehr als 1200 Kilometer hat Alessandro Zanardi an zwei Tagen auf der Rennstrecke von Vallelunga abgespult. Und sich kontinuierlich gesteigert. „Der Fortschritt vom bisherigen zum aktuellen System ist massiv“, sagte der Fahrer danach und erläuterte: „Ein reinrassiges Rennauto wie den M4 zu fahren, ist physisch sehr anspruchsvoll. Für mich wäre es noch einmal deutlich anstrengender, wenn ich wie bisher mit meiner Prothese bremsen würde.“ Der Verzicht hilft ihm zudem, den vorgeschriebenen Sicherheitscheck besser absolvieren zu können. Jeder Fahrer muss mit Helm selbstständig in weniger als sieben Sekunden das Fahrzeug über die Fahrertür verlassen können. Zanardi hat’s in 4,5 Sekunden geschafft.

Ganz langsam, das gibt Alessandro Zanardi gerne zu, steige bei ihm die Anspannung vor dem DTM-Abenteuer. Doch der unermüdliche Kämpfer ist sich auch sicher: „Es wird ein großartiges Erlebnis.“ klaus-eckhard jost

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