Und immer noch meldet sich Günther Koch

von Redaktion

Der 1. FC Nürnberg ist zurück in der Bundesliga – und der Mann, der ihn ewig begleitete, spielt dabei mehrere Rollen

VON GÜNTER KLEIN

Nürnberg – Vierzig Leute sind gekommen zur Führung „Steine und Beine“, viele von ihnen haben Alleswisser-Gesichter, sie kennen die Länderspiel-Torquote von Max Morlock, die Aufstiegstorschützen und die Abstiegstragikfiguren der Nürnberger Fußballgeschichte. Günther Koch weiß: Er muss diesen Nerds, die schon welche waren, als es den Begriff noch gar nicht gab, was Neues bieten.

„Schaut’s den Platz an“, befiehlt er mit dieser Stimme, die man aus Jahrzehnten Radio kennt und die immer noch ein Markenzeichen mit sofortiger Wiedererkennung ist. Nun füllt die Donnerstimme ohne Mikrofon live ein leeres Stadion, das im späten Abendsonnenlicht liegt. „Ist der Platz eben?“ Ist er nicht. Günther Koch verrät Geheimnisse. „Er hat ein Gefälle, vom Anstoßpunkt zu den Toren 38 Zentimeter, acht Prozent. Das ist wegen der Bewässerung so.“ Und es erkläre, warum das im Max-Morlock-Stadion manchmal unbeholfen aussehe, wenn der Stürmer mittig auf den gegnerischen Torhüter zuläuft: Der Ball wird schneller, denn er rollt bergab.

Und Koch hat noch mehr zu bieten: „Ich zeige euch die Bermuda-Stelle.“ Ein Fleck auf dem Spielfeld, an dem rätselhafte Fehler geschehen sind zulasten des 1. FC Nürnberg, fatale, unerklärliche Ballverluste. Passt’s auf nächste Saison!“ Das Bermuda-Stück liegt im Niemandsland zwischen Mittelkreis- und Strafraumhöhe, von der Gegentribünenseite aus sechs Meter nach innen gedacht. „Da muss irgendwas sein“, glaubt Koch. Etwas Unheimliches. Ein Besucher seiner Stadionführung hat auch seine Beobachtungen gemacht: „Die rechte Außenbahn. Meine Kumpel und ich meinen: Da muss eine Wasserader sein.“

Der Club wird sein Leben lang verfolgt von Missgeschicken, darum sucht er – mit einem Augenzwinkern – nach solchen Erklärungen, aber nun hat er wieder eine freundlichere Phase erreicht mit dem Wiederaufstieg in die Bundesliga nach vier Jahren Zweitklassigkeit. Er muss auswärts anfangen, am Samstag bei der Hertha in Berlin, erstes Heimspiel ist die Woche darauf gegen Mainz. Im Stadion hat man das Vereinswappen des FSV 05 bereits an der Gästekabine angebracht, beim Stadionrundgang kann man das sehen. Die Tour, die Günther Koch anbietet, ist aber keine von der Stange, sie ist einmalig. Er hat diverse Club-Devotionalien aus seinem Häuschen im nahen Stadtteil Langwasser herübergefahren, er hat einen CD-Spieler dabei, auf dem er seine berühmten Reportagen (1999, letzter Spieltag, der Klassiker: „Wir melden uns vom Abgrund“) abruft. Und er ist Günther Koch, so etwas wie eine Konstante des Vereins.

Als junger Leichtathlet des MTV 1879 München lief Koch hier schon in den 50er-Jahren (übrigens plädiert er leidenschaftlich für den Erhalt der Laufbahn und der Leichtathletik-Tauglichkeit des Stadions), als Fußball-Zuschauer war er erstmals am 2. Dezember 1967 da. Sofort ruft einer: „Das 7:3 gegen Bayern.“ Richtig! Koch, aufgewachsen in Schwabing, hatte seine erste Lehrer-Stelle in Nürnberg bekommen „und versucht, meine Schüler zu Bayern-Fans umzuerziehen“. Nach der Pleite seiner Bayern wollte er „nie mehr in dieses Stadion kommen“. Und wie hat sich die Sache entwickelt? „Hier bin ich öfter als in meinem Wohnzimmer.“

Koch schlug Wurzeln in Nürnberg, begann beim Bayerischen Rundfunk seine Nebenbei-Karriere als Radioreporter („2283 Reportagen, 1088 vom Fußball“), erfand den Begriff „Clubberer“, wurde Herzens-Nürnberger, Mitglied des inneren Kreises. „Jeden Monat hat Max Morlock zu einer Kaffeefahrt eingeladen, seine letzte 1994 habe ich abgesagt, weil ich wusste, wie schlimm es um ihn gesundheitlich stand. Aber ich wollte den Auftrag vom Spiel Bayreuth – Uerdingen nicht ablehnen, ich war noch nicht so fest im Sattel beim BR. Ein Fehler in meinem Leben.“ Koch engagierte sich auch in der SPD, bei den Landtagswahlen 2003 hatte er das beste Ergebnis eines Direktkandidaten – nahm sein Mandat dann aber nicht an, weil er dann mit Radio hätte aufhören müssen. Als beim Bayerischen Rundfunk 2006 Schluss war, sprach Günther Koch weiter. Eine Saison beim Pay-TV-Sender Arena, dann beim Internet-Radio „90Elf“. Jetzt ist er Aufsichtsrat beim 1. FC Nürnberg, bestimmt die Politik des Vereins mit. Und kann es auch mit 76 nicht sein lassen, ab und zu seinen Platz auf der Pressetribüne einzunehmen. Günther Koch meldet sich immer noch – für das Fanradio, das er mitinitiiert hat. „Klingt wie richtiges Radio“, sagt er. Der Erlös seiner Steine-und-Beine-Führung geht ans Fanradio. „Damit die sich gute Kopfhörer kaufen können.“

Als Reporter war er immer auch leidenschaftlicher Kritiker des 1. FC Nürnberg, als Aufsichtsrat ist er bisweilen selbst der Kritisierte. Er weiß viel über Fußball, aber er kann keine Wunder bewirken. Er sieht manches nun anders. Der Aufsichtsrat mache sich seine Gedanken, wie man die Einnahmenseite des Club bereichern könne. „Glaubt’s nicht, dass wir schlafen. Aber wir können mit dem Stadion keinen Gewinn machen. Wir haben hier nicht die großen Futterhallen, nicht wie andere ein zahlungswilliges und zahlungskräftiges Publikum.“ Alles im Max-Morlock-Stadion ist sachlich-schlicht: die VIP-Räume, die Kabinen.

Günther Koch bemüht sich um die Nähe zum Volk. Er befasst sich mit den Ultras. Er bittet in den Diskussionen um die aktive Fanszene „um eine differenzierte Sicht. Ich bin Mitglied im deutschen Fanrechts-Fonds und kann euch sagen: 70 Prozent der Strafverfahren gegen Fans werden eingestellt.“

Was die Aussichten in der neuen Saison betrifft, sind sie in Nürnberg alle geerdet. Keiner verlangt mehr als den Klassenerhalt. Der Club hat keine Stars, allenfalls Geheimtipps wie Kochs Liebling Eduard Löwen, einen Deutschrussen, „der jede Position außer Torwart spielt“. Kurz vor der Führung hat Koch mit ihm noch SMS ausgetauscht. Er gibt die Infos weiter: „Rippenprellung bei Eduard – sehr schmerzhaft.“

Mit Michael Köllner wird ein ungewöhnlicher Trainer in die Bundesliga kommen. Fast 50 schon, Quereinsteiger, und einer, der spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. „Sein Oberpfälzisch“, seufzt Koch, „das versteht man kaum, das ist wirklich aus dem hintersten Winkel. Ich habe schon überlegt, ob man ihm Sprachunterricht geben sollte.“

Koch gehörte zu denen, die Köllner im Aufsichtsrat durchsetzten. Seine Beziehung zum Trainer ist eng. Köllner bittet Koch auch darum, Aufgaben zu übernehmen. Nun gibt Koch den ausländischen Club-Spielern ehrenamtlich Deutsch-Unterricht, Neuzugänge führt er durchs Vereinsmuseum – damit sie wissen, dass sie für einen ungewöhnlichen Verein spielen.

Und immer noch spricht Günther Koch – bald auch in einem Buch, das der Schriftsteller Jürgen Roth gerade für ihn schreibt. Er hat viel loszuwerden. Über Politik, über Schulbildung, über Sport. In manchen Reportagen hat er erbost von Betrug gesprochen, manche Ergebnisse an letzten Spieltagen kamen ihm erstaunlich vor, Er sitzt auf seinem Presseplatz, vor sich der CD-Player, es ist wieder 1999, als Nürnberg, obwohl schon die Nichtabstiegsfeier angesetzt ist, es noch schafft abzusteigen. Weil es selber nicht das Tor schießt, das es braucht, weil zugleich in Frankfurt so viele Tore für die Eintracht fallen, wie sie es gerade braucht (und Kaiserslautern lässt es geschehen). Günther Koch wird darauf noch einmal eingehen. „Das wird in meinen Memoiren stehen.“

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