„Kanaken“ in der Nationalmannschaft

Das Klima im Land

von Redaktion

Die Reaktionen auf den „Spiegel“-Artikel über die beiden Gruppen, die sich bei der missglückten WM im Kader der Nationalmannschaft gebildet hatten, fielen höchst unterschiedlich aus. Erhellend fanden die einen ihn, eine „Tratsch-Geschichte, die der ,Bunten’ gut zu Gesicht gestanden hätte“, wertete indes ein Redakteur der taz (wobei sich das Urteil auch auf weitere Infos bezog – etwa die Unerreichbarkeit von Joachim Löw per Telefon und Mail).

War es ursächlich für das Scheitern der DFB-Auswahl in Russland, dass es zwei Gruppen gab, die einander so wenig zugetan waren, dass sie auf dem Platz die Kooperation verweigerten?

Es hat was von Stammtischargument und Küchenpsychologie, und wann immer ein Turnier nicht wie erwünscht verlaufen ist, glaubt man, Defizite im zwischenmenschlichen Bereich seien verantwortlich zu machen. Es liegt nahe, dass eine gewisse Grenzziehung vorgegeben wird durch die Vereinszugehörigkeit – oder welcher Generation sich die Spieler zugehörig fühlen. Irgendeine Konfliktlinie findet sich immer in einem Turnierkader: Welche Musik läuft in der Kabine, wer zieht sich eher mal mit einem Buch zurück statt an der Konsole zu sitzen? Wenn man weiß, wie wichtig jungen Leuten Lifestyle ist, klingt es plausibel, dass der „Spiegel“ auch da einen Bruch sieht, an dem sich Gruppen bilden. Die „Kanaken“ und die „Kartoffeln“.

Ob sich daraus die Gleichung ableiten lässt, die den WM-Absturz herbeiführte? Es ist eine These. Aber bezeichnend und leicht bedrückend ist, dass die eine Gruppe für sich selbst die Bezeichnung „Kanaken“ wählt. Gewiss mit einem ironischen Unterton, aber es wird die Sichtweise aufgegriffen, die sich leider nicht so wenige Menschen in Deutschland auf ihre Mitbürger mit Migrationshintergrund zu eigen gemacht haben. Vor zwölf Jahren hatte Deutschland sich an seiner Weltoffenheit berauscht, vor acht Jahren eine Nationalmannschaft gefeiert, die ihre Vielfalt zum Trumpf machte, vor vier Jahren erlebte die Entwicklung ihren wunderschönen Höhepunkt. Und keiner im Team hatte das Bedürfnis, sich anders zu fühlen als der Nebenmann.

Das Land hat sich seitdem verändert. Nicht zum Guten. Jetzt hat das Klima den Fußball erreicht.

Artikel 1 von 11