New York – Einmal rannte er ihn fast über den Haufen. Ivan Lendl stand an der Ecke des Spielfeldes auf Trainingsplatz P1, als Alexander Zverev versuchte, einen Ball zu erwischen, der lang in die Ecke gespielt worden war, an der der Neue stand.
Abrupte Bewegungen sind nicht mehr sein Ding, er hat’s seit vielen Jahren im Rücken. Aber mit zwei leidlich schnellen Schritten brachte er sich in Sicherheit. Sie müssen sich halt erstmal aufeinander einspielen, Deutschlands bester Tennisspieler und der neue Coach im Team, der nun gemeinsam mit Zverevs Vater Alexander senior das Kommando übernimmt. Beide beobachteten die Einheiten im Schatten des Arthur Ashe Stadions dicht am Platz, der eine rechts, der andere links; gestandene Männer mit dunklen Sonnenbrillen und mehr oder weniger ausgeprägtem Kugelbauch unterm Hemd.
Seit Zverev in der vergangenen Woche auf Instagram ein Foto postete, das Lendl im Kreise seiner Männer zeigte und er ihn offiziell willkommen hieß, weiß die Welt des Tennis von der neuen Partnerschaft. Wie sie zustande kam? Die Verbindung zu Lendl sei schon immer da gewesen, sagt Zverev. „Er hat mit Andy Murray gearbeitet, und Jez Green (sein Fitnesscoach/Anm. d. Red.) gehörte ja damals auch zum Team. Ich hab mit Jez, der für mich mehr als nur ein Trainer ist, viel darüber geredet, wer der Richtige sein könnte. Und er meinte immer, das könnte Ivan sein.“ Nach Wimbledon habe er das Gefühl gehabt, es sei die perfekte Zeit, um etwas Neues auszuprobieren, um konkurrenzfähig zu sein und die besten Turniere der Welt zu gewinnen. Und das sei genau der Grund, der auch für Lendl zähle.
Nach der Trennung von Ferrero, der Zverev Unpünktlichkeit und mangelnden Respekt vorgeworfen hatte, hatte seinerzeit reflexartig die Idee die Runde gemacht, wenn Deutschlands bester Spieler der Gegenwart einen Supercoach suche, der ihn dabei unterstützen könne, einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen, warum er sich dann nicht an den Besten der Vergangenheit wende, Boris Becker? Der hatte ja als Coach von Novak Djokovic offensichtlich einen ziemlich guten Job gemacht. „Boris und Lendl waren für mich die beiden Optionen“, sagt Zverev dazu. „Ich mag Boris sehr, er ist ein toller Typ. Ich hab ihm geschrieben, bevor ich das Ding mit Ivan bekannt gegeben habe, und hab gesagt: Ich hätte sehr gern mit dir gearbeitet, und irgendwann in der Zukunft wird das hoffentlich auch passieren. Aber im Moment passt es mit Ivan besser; ich denke, dass dessen Leben gerade ein bisschen leichter ist.“
Becker, der dieser Tage bei den US Open wieder für den TV-Sender Eurosport bei der Arbeit ist, lässt wissen, Lendls frühere Erfolge mit Murray sprächen Bände, und er sei sehr froh über Zverevs Entscheidung. „Ich glaube, dass er gerade bei den Grand Slams Hilfe benötigt. Ivan mit seiner langjährigen Erfahrung, besonders in New York, ist genau der richtige Mann.“
Lendl selbst gewann als Spieler drei Titel bei den US Open, drei bei den French Open in Paris und zwei in Melbourne, er stand zwischen 1985 und 1990 in insgesamt 270 Wochen lang an der Spitze der Weltrangliste und galt als schlagendes Beispiel dafür, was mit der besten Kombination aus Arbeitsmoral, Tüftelei, Cleverness und asketischer Lebensweise zu erreichen ist. „Ich habe mich selbst nie danach beurteilt, ob ich gewinne“, sagte er mal, „sondern immer nur danach, wie viel Mühe ich mir gegeben habe.“
Er war 24, als er bei den French Open 1984 nach drei verlorenen Finals den ersten Grand-Slam-Titel gewann; Andy Murray steckte in einer ähnlichen Situation, als die beiden Anfang 2012 zusammenkamen, ein Dreivierteljahr später gewann er bei den US Open und knackte den Code.
Heute wird Ivan Lendl zum ersten Mal ganz offiziell ein Spiel des neuen Partners beobachten, die Partie der ersten Runde gegen den Kanadier Peter Polansky, Nummer 120 der Welt. Alexander Zverev weiß, dass die Sache bei den US Open nach Möglichkeit besser laufen sollte als vor einem Jahr, als er in Runde zwei nach einem mittelprächtigen Auftritt gegen den Kroaten Borna Coric verloren hatte. Doch diesmal fühlt er sich frischer, und er ist gespannt darauf, was die neue Partnerschaft bringen wird.