Zwei Mannschaften

von Redaktion

Von Günter Klein

München – Noch einmal kurz zurück zum 15. Mai. Es war der Tag, als im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund der damals noch vorläufige, vier Spieler zu große deutsche Kader für die WM in Russland bekannt gegeben wurde. Über der Veranstaltung lasteten die tags zuvor ans Licht der Welt gelangten Gefälligkeitsfotos der Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan, dennoch war der Grundton ein optimistischer. Die handelnden Personen des DFB versuchten den Eindruck zu hinterlassen, sie würden aufgrund des großen Erfahrungsschatzes des deutschen Fußballs ein gutes Turnier abliefern.

Berti Vogts war zu Gast an jenem Tag. Er stand zwischen Museumsexponaten und erklärte, wie es sein konnte, dass Deutschland als Titelverteidiger 1994 (er war 1990 Co-, später Cheftrainer) scheitern konnte. „Wir hatten von den Spielern her einen besseren Kader als 1990“, erzählte er, „aber wir waren keine Mannschaft.“ Es habe zwei Fraktionen gegeben: die Platzhirsche um die Generation Völler & Matthäus, die Weltmeister geworden waren, und die neu hinzugekommenen Spieler, angeführt vom nassforschen Stefan Effenberg. Joachim Löw, der aktuelle Bundestrainer, hörte bei Vogts’ Erzählung zu – und konnte sich wohl nicht vorstellen, dass seine Mannschaft wieder eine gespaltene sein würde.

Er hatte dieses Problem bislang nur bei der EM 2012 erlebt, als die beiden starken Stämme Dortmund und FC Bayern rivalisierten (der BVB war damals in Liga und Pokal erfolgreicher). Und Löw kannte ein paar Geschichten von weit vor seiner Zeit. In den 80er-Jahren der Münchner Tisch und der Hamburger Tisch. Immer wieder mal war Streit.

Ein potenzielles Konfliktfeld 2018 war ein Ringen um Einfluss zwischen Weltmeistern von 2014 und Confederations-Cup-Siegern von 2017. Das fand auch statt – und dazu gab es mit der Nummer-eins-Nominierung von Manuel Neuer ohne Leistungsnachweis eine klare Ansage seitens des Bundestrainers, dass das Establishment Vorrang hat. Doch tiefer war wohl der ethnische Graben. Der „Spiegel“ beschrieb nun in einer Chronologie des WM-Versagens, es gebe in der Nationalmannschaft die „Kanaken“ und die „Kartoffeln“. Von wegen also Integrationskraft des Sports.

Die Kanaken (so würden sie sich selbst nennen): Jerome Boateng, Antonio Rüdiger, Özil, Gündogan, der nicht nominierte Leroy Sané und – vielleicht etwas überraschend – Julian Draxler, der nach der WM mit Boateng und Rüdiger in Urlaub in den USA war. „Kartoffeln“ (oder „Almans“) werden die Deutschen ohne Migrationshintergrund gerne von denen mit Migrationshintergrund genannt, „Klaus Kartoffel“ ist das Synonym für den sperrigen Deutschen.

Laut „Spiegel“ würden sich die „Kanaken“ am elitär auftretenden Mats Hummels und sogar an Thomas Müller, der die Rapper gelegentlich mit gespielter Gangsta-Attitüde („Yo, man“) auf den Arm nehme, stören.

In einer Gruppe von 23 Menschen kommen sehr unterschiedliche Typen zusammen. Dass der WM-Kader 2018 vor einer Herausforderung stehen würde, war klar, als nach den Vorbereitungsspielen in Österreich und gegen Saudi-Arabien Pfiffe gegen Özil und Gündogan hörbar wurden und die Solidarisierung aus der Mannschaft kaum vernehmbar war. In Südtirol im Trainingslager sagte Antonio Rüdiger in einem kicker-Interview, das ein wenig unterging: „Wir sind nicht alle beste Freunde.“

In den Sekunden nach dem hochdramatischen Wir-leben-noch-Sieg über Schweden war der gesamte Kader im Jubel vereint. Doch die erfolgreiche Elf riss Löw fürs nächste Spiel auseinander – ein Fehler. Ende der WM, Auftakt zum Chaos. Mit Abrechnungen und Özil-Rücktritt.

Und dem demonstrativen Schweigen der meisten Spieler dazu. Es erklärt sich jetzt.

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