Zwischen Lausbub und Hochadel

von Redaktion

Schweinsteiger wird mit Ehrungen überschüttet – Rummenigge: „Er ist Mr. Bayern“

VON ELISABETH SCHLAMMERL UND ANDREAS WERNER

München – Es sah putzig aus, wie Karl-Heinz Rummenigge gestern Vormittag ganz allein ganz vorn in der ersten Stuhlreihe im Münchner Prinz-Carl-Palais saß. Als sei der Vorstandschef des FC Bayern extra früh aufgestanden, um nur ja nichts zu verpassen. 20 Minuten vor der Zeit war Rummenigge bereits da, doch der Mann, um den sich alles drehte, kam ebenfalls früh. Auch Bastian Schweinsteiger wollte den Ministerpräsidenten Markus Söder nicht unnötig warten lassen; der langjährige Spieler des FC Bayern wurde mit dem Verdienstorden des Freistaats geehrt.

Bastian Schweinsteiger, 34, hat gestern ein ganz schönes Programm abgespult: Vormittags höchste bayerische Weihen, am Nachmittag erhielt er dann von seinem Ex-Verein, für den er 17 Jahre spielte, eine besondere Ehrung; in der Erlebniswelt in der Allianz Arena ist er fortan mit einem Stern, der für die Legenden des Clubs reserviert ist, vertreten. Heute Abend bestreitet er sein Abschiedsspiel, er wird für seinen aktuellen Verein Chicago Fire eine Halbzeit spielen und die andere für seinen FC Bayern (20.30 Uhr/RTL live). Man muss nicht extra erwähnen, dass die Arena ausverkauft ist – schon zum Training seines US-Teams am Sonntag an der Säbener Straße waren 2000 Fans gepilgert. „Da war ich echt überrascht – und sehr glücklich“, sagte der 34-Jährige, der München vor drei Jahren verlassen hatte. Zunächst wechselte er zu Manchester United, im März 2017 dann nach Chicago. Den Verdienstorden nahm er „im Namen aller Fans“ entgegen: „Ich möchte diese besondere Auszeichnung mit allen teilen.“ Söder erklärte ihn in seiner Laudatio zu einer „Legende“, bewunderte seinen „bestimmten Blick wie beim Boxer Rocky“ und lobte: „Sie sind ganz einfach Bayern.“

Man muss immer vorsichtig sein, wenn Politiker etwas sagen, und auch eine Laudatio hübscht den Geehrten gerne auf, doch das mit dem Bilderbuch-Bayern Basti, das kann man so stehen lassen. Letzte Zweifel beseitigte der gebürtige Kolbermoorer bei den anschließenden Fragen: Auf was er sich am meisten gefreut habe nach seiner Rückkehr jetzt aus Chicago? „Auf eine schöne Weißwurscht mit Brezen und süßem Senf“, sagte er, auf der To-Do-Liste hakte er das gleich nach der Ankunft im Kreis seiner neuen Kollegen ab, die sollen ja auch mal was Gutes serviert bekommen. Im Übrigen fühle es sich einfach ganz anders an, wenn er hier in München lande, erzählte er: „Du spürst die frische Luft, die Natur, da ist ein Unterschied zu England oder USA – ich genieße jeden Tag.“

Als er am Nachmittag die nächste Etappe seines Ehrenmarathons absolvierte, meinte er, er fühle sich „geadelt“ in einer Reihe mit Franz Beckenbauer und all den Club-Größen. Zuvor hatte ihn Uli Hoeneß als einen „Lausbuben“ bezeichnet, und diese Diskrepanz zwischen einem Edelmann und einem Hallodri ist in Bayern ja nur eine vermeintliche; im Freistaat ist ein Lausbub schon auch einer, den man mag, der sich Respekt verdient, wohl daher bewegt sich Schweinsteiger seit Jahren so gekonnt auf Publikumsliebling-Niveau. „Er ist ein Mensch mit Ecken und Kanten – und er war immer der Mr. Bayern“, sagte Rummenigge, kurz zuvor hatte er mit Hoeneß Schweinsteiger in den roten Janker, den nur die Legenden des Vereins tragen dürfen, hineingeholfen. Die Jacke passe sehr gut, witzelte der ewige Schlawiner, „da kann man direkt in den Biergarten gehen“. Er habe an Schweinsteiger geschätzt, wie er manchmal über die Stränge geschlagen habe, dann aber immer da gewesen sei, wenn es gebrannt hat, erzählte Hoeneß. Sollte er nach seiner Karriere den Wunsch verspüren, beim FC Bayern unterkommen zu wollen, werde man das begrüßen, meinte der Präsident – mit der kleinen Einschränkung: „Wenn wir dann noch da sind.“

Schweinsteiger will aktuell nicht so weit vorausschauen. „Zukunftsmusik“, sagte er zu dem Thema. Jetzt sei erst einmal die große Frage, ob ihn beim Abschied die Gefühle übermannen wie beim Servus aus der Nationalelf im Herbst 2016. „Du kannst ja nicht die Augen schließen. Und dann siehst du die Ränge, die Fans, die Gesichter.“ Gut möglich also, dass heute Abend die Tränen fließen. „Er war, wie er ist“, meinte Rummenigge. Das klang fast philosophisch. Vielleicht ist ihm der Satz eingefallen, als er da so allein auf seinem Stuhl gewartet hatte.

Artikel 1 von 11