Manchester/München – Ilkay Gündogan hat vor dem 6. September keine Angst, aber großen Respekt. Der Neustart der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nach dem WM-Desaster gegen Weltmeister Frankreich in München soll auch für Gündogan ein Neuanfang werden. Er hoffe, „dass es im Stadion keine Pfiffe gegen mich geben wird“, sagte er den Zeitungen der „Funke“-Mediengruppe. Und wenn doch? „Dann muss ich mich dem stellen. Dann ist das eben meine Reifeprüfung.“
Anders als für Kumpel Mesut Özil sei für ihn ein Hinschmeißen nach der Erdogan-Affäre trotz all der persönlichen Angriffe, bei denen „teilweise die Grenze zum Rassismus überschritten“ worden sei, nicht infrage gekommen. „Ich will nicht davonlaufen. Ich will mich der Situation stellen“, sagte Gündogan: „Ich bin nach wie vor stolz, für Deutschland aufzulaufen.“ Sollte ihn Bundestrainer Joachim Löw am Mittwoch wie erwartet berufen, „dann sehe ich keinen Grund, nicht weiterzumachen“.
Doch Gündogan, 27, machte deutlich, dass die vergangenen zweieinhalb Monate die schwersten seiner Karriere waren. Wegen der Pfiffe gegen ihn beim Länderspiel in Leverkusen und angesichts der Anfeindungen, auch vonseiten der Politik, hatte er keine Rücktrittsgedanken, „aber es gab Zweifel, ob es jemals wieder so werden kann wie früher“.
Damals habe er sich nach dem Spiel zehn Minuten in der Toilette eingesperrt, um durchzuatmen: „Ich war sauer, enttäuscht und traurig.“ Diese Momente, so Gündogan, werde er „bis zum Ende meines Lebens nicht vergessen“.
Geholfen habe ihm der Zuspruch von Löw („Ich kann mir als Nationaltrainer keinen Besseren vorstellen“) und Oliver Bierhoff sowie die Unterstützung seines Clubs Manchester City mit Teammanager Pep Guardiola und der DFB-Kollegen.
Eine angebliche kulturelle Spaltung der Mannschaft wies Gündogan zurück. Es sei „völlig normal, dass man sich hier oder da mal ein bisschen im positiven Sinne aufzieht. Das war aber jederzeit immer nur als Spaß zu verstehen und hatte definitiv nichts mit Rassismus zu tun.“
Insgesamt hätte der DFB mit der Affäre aber „besser umgehen können“, sagte Gündogan. Dass sich nicht jeder Spieler und Funktionär öffentlich vor ihn und Özil gestellt habe, könne er aber verstehen: „Jeder hatte auch Angst, etwas Falsches zu sagen.“
Zum Rücktritt Özils, den er aufgrund dessen sportlicher Qualität bedaure, sagte Gündogan: „Ich hätte es anders gemacht.“ sid