Rolltreppe in die Zukunft

von Redaktion

Die US Open haben eine weitere Attraktion: das neue Louis Armstrong Stadion

von doris henkel

New York – Manchmal glaubt man, seinen Augen nicht zu trauen im Billie Jean King National Tennis Center. Wer das chaotische, laute, nach Bratfett riechende Durcheinander der US Open von früher kennt, der steht heute staunend inmitten eines sortierten, erweiterten und frisch polierten Ensembles moderner Stadien. Das spezielle Flair, unverwechselbar und über die Jahre ans Herz gewachsen, ist weg, stattdessen weht nun viel frische Luft durch das Turnier, und die Zuschauer strömen in Scharen herbei.

Die jüngste Attraktion ist das neue Louis Armstrong Stadion an der Stelle seines Vorgängers gleichen Namens, das zweite Stadion mit einem Dach, womit die US Open in der Dach-Rangliste der Grand-Slam-Turniere an die zweite Stelle rücken hinter Melbourne (drei) und vor Wimbledon (zweites Dach wird im kommenden Jahr fertig sein). Schlusslicht sind seit Jahren die French Open, wo es erst ab 2021 einen Schutz gegen Regen geben wird.

Von 1978 bis 1996 war der erste Louis Armstrong die größte Arena des Turniers; ein legendärer Ort. Von den obersten Rängen hatten die Zuschauer freien Blick auf die unvergleichliche Ansammlung von Wolkenkratzern drüben in Manhattan, was vor allem bei Sonnenuntergang ein unvergesslicher Eindruck war. Und wenn die Jets vom nahe gelegenen Flughafen La Guardia im 90-Sekundentakt übers Stadion donnerten, dann dröhnte der Lärm bis in den Brustkorb hinein. Armstrong war ein Ort, an dem sich keiner verstecken konnte; nicht vor der Sonne, nicht vor dem Lärm und nicht vor der Hitze einer brodelnden Atmosphäre.

Dann kam er in die Jahre und wurde degradiert. 1997 war das erste Jahr des Arthur Ashe Stadions mit seinen 23 771 Sitzplätzen, einer riesigen, überdimensionierten Schüssel. Doch eine Serie von Jahren mit schlechtem Wetter, mit prasselndem Regen und Hurricanes zwischen 2008 und 2012 und mit Endspielen, die auf Montag verschoben werden mussten, rief immer mehr Kritiker auf den Plan, die ein Dach forderten. Schließlich wurden die Rufe erhört, ein neuer Plan für 600 Millionen Dollar umgesetzt, in dem nicht nur Arthur ein Dach spendiert wurde (2016), sondern auch ein ganz neuer Louis, ebenfalls mit Dach, vorgesehen war.

Nach dem Ende der US Open 2016 rollten die Bagger an und machten die alte Arena nach mehr als 2000 Spielen in fast vier Jahrzehnten platt. In der vergangenen Woche wurde der zweite Armstrong offiziell eingeweiht; zur Feier des Tages spielte der Trompeter Wynton Marsalis, und John McEnroe, der aus der Nachbarschaft stammt, sagte, als New Yorker und Junge aus Queens sei er mächtig stolz auf die neue Arena. Der Nachfolger mit 14 069 Plätzen hat mit dem Vorgänger nicht die geringste Ähnlichkeit. Die meisten der Zuschauer braten nun nicht mehr wie früher in der Sonne, was bei Temperaturen um 35 Grad wie gestern ein Segen ist.

Die Bauzeit betrug nur zwei Jahre

Von außen macht die Arena einen leichten, luftigen Eindruck, auffällig ist eine Lamellen-Verkleidung, die aus mehr als 14.000 dünnen Einzelteilen aus Terracotta besteht, und drinnen führen die Aufgänge ebenso steil nach oben wie nebenan im Ashe Stadion. Wie laut es im neuen Stadion werden kann, wurde schon am ersten Tag mit halber Besetzung deutlich. Der Neue, errichtet in nur zwei Jahren, ist ein Hingucker, und mit dem großen Bruder Arthur Ashe und dem vor zwei Jahren eingeweihten neuen Grandstand hat der amerikanische Tennisverband (USTA) nun ein modernes, attraktives Ensemble im Angebot.

Der Neue startete mit einem Knall ins Turnierleben, einer Niederlage von Simona Halep, der Nummer eins des Frauentennis. Und er endete, weil nun in der neuen Arena bis zum Ende der ersten Woche auch am Abend gespielt wird und dafür natürlich extra Tickets verkauft werden, wie nicht anders zu erwarten war mit einem Rekord von 67 832 Besuchern. Den Gesamtrekord von mehr als 720.000 während der beiden Wochen des Turniers werden sie sicher auch knacken; das wird sich angesichts der erweiterten Kapazität kaum vermeiden lassen.

Es ist leicht, der alten, plattgewalzten Arena eine Träne nachzuweinen, denn für viele Leute war diese Arena bis zum Rand mit Erinnerungen gefüllt. Aber wo steht geschrieben, dass diese Erinnerungen verblassen müssen, nur weil man jetzt auf Rolltreppen in eine neue Zeit fahren kann?

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