München – Joachim Löw hat dieser Tage oft in München sein müssen. Nicht nur wegen seiner Erklärung zur Lage der Fußball-Nation, die er gestern in der Allianz Arena zum Vortrag brachte. Auch das Bastian-Schweinsteiger-Abschiedsspiel am Abend zuvor war für ihn Pflichttermin gewesen, und im Hotel Hilton Am Tucherpark hatte der Bundestrainer am Freitag, bevor er den Auftakt in der Bundesliga (FC Bayern – Hoffenheim) begutachtete, sich gegenüber dem DFB-Präsidium erklären müssen. Danach trat Präsident Reinhard Grindel vor die Tür des Sitzungssaals und erklärte, dass Bundestrainer und Nationalmannschafts-Manager eine „sehr überzeugende Analyse der Fußball-Weltmeisterschaft abgeliefert“ hätten. Grindel setzte seine Politiker-Optimismus-Miene auf – es wirkte so, als hätte die deutsche Nationalmannschaft nachträglich das Halbfinale erreicht.
Es war ja schon frühzeitig klar, dass Grindel, in der Fußballszene, vor allem im Profibereich, ohne Kontakte, keine Alternative zu Joachim Löw haben würde. Darum erteilte er schon am ersten Wochenende nach dem Vorrundenscheitern, als die WM gerade in die Achtelfinalphase ging, einen Freibrief an Löw: Der, ausgestattet mit einem frischen Viereinhalbjahresvertrag, könne selbst entscheiden, ob er bleibe. Natürlich blieb Löw. Und nun versucht er, Aufbruchstimmung zu vermitteln.
Doch ist mit dem aktuellen Rückhalt des Präsidenten auch gesichert, dass er einen weiteren Sturm überstehen würde? Mit einem guten WM-Abschneiden im Rücken hätte Löw die Nations League, die kommende Woche am Donnerstag in München mit der Partie gegen Frankreich beginnt, als lästige Pflichtveranstaltung abtun können, bei der man halt schaut, dass man sich nicht blamiert – doch sie hätte gewiss keine existenzielle Bedeutung. Das hat sich nun geändert.
Man kann sich jedenfalls vorstellen, dass, wenn die DFB-Elf vom neuen Weltmeister vorgeführt werden sollte, die Diskussionen sofort wieder in Gang kämen. Ist Joachim Löw der richtige Mann für einen Neuanfang? Oder braucht es nachhaltigere personelle Veränderungen als die, die er nun vorgenommen hat: Thomas Schneider nicht mehr Co-Trainer, sondern Chefscout, Urs Siegenthaler nicht mehr Leiter dieser Abteilung, sondern nur noch ein besserer Freelancer, den man weltweit auf Termine schickt, damit er bei der Mannschaft nichts anstellt?
Klare Nachfrage also: Ist sich Joachim Löw des Rückhalts in der Fan-Bevölkerung ebenso sicher wie der im DFB-Präsidium?
„Wir stehen alle unter besonderem Druck und besonderer Beobachtung, dessen bin ich mir bewusst“, sagt Löw. Er klingt wie vor der WM, als er den schwachen Testspielen keine Bedeutung beimaß, oder wie nach dem ersten WM-Spiel (0:1 gegen Mexiko), als er eine klare Steigerung als ganz sicher eintretende Folge ankündigte. Und wie nach dem zweiten Spiel (2:1 gegen Schweden), als er glaubte, der Knoten wäre gelöst und die Mannschaft würde gegen Südkorea so weitermachen. „In den letzten zwölf Jahren haben wir Energie aus Rückschlägen gezogen und viel daraus gelernt. Sicher werden wir auch diesmal die richtigen Ideen und Schlüsse haben.“ Löw spricht, als gäbe es die Möglichkeiten eines neuerlichen Versagens nicht: „Ich bin überzeugt von unserer Klasse und Qualität. Die Qualität unseres Kaders in Russland war gut, wir haben sie nur nicht abgerufen.“ Fußballer-Standard-Sprech.
„Erfahrung ist wichtig, man braucht eine Achse“, deutet Löw an, dass sich die Eingriffe, die er am Team vorzunehmen gedenkt, in Grenzen halten werden. Auch sein Stil als Trainer ist nicht verhandelbar. Philipp Lahm hatte eine straffere Führung angemahnt, „der Philipp hat sich dann auch schnell bei mir gemeldet und versucht zu erklären, dass die junge Generation anders tickt.“ Die Anregungen hat Löw „wahrgenommen“, ernst nimmt er sie nicht: „Ich weiß schon, was in der Führung einer Mannschaft wichtig ist. Es gibt für mich nicht die Situation, mich völlig zu ändern.