München – Joachim Löw war, als vor einigen Wochen Mesut Özil mit seinem Rücktrittsschreiben in drei Teilen die Schlagzeilenhoheit übernahm, offiziell überrascht. Er sagte damals, er sei darüber nicht informiert gewesen.
Gestern in München hat er diese Darstellung korrigiert. Er wusste Bescheid – er hatte es nur nicht vom Spieler selbst erfahren.
„Der Berater von Mesut hat mich angerufen, dass eine Erklärung kommen wird und dass es den Rücktritt geben wird.“ Löw wartete noch, dass der Spieler sich selbst melden würde, „das ist normal, wenn jemand sich entschließt, nicht mehr in der Nationalmannschaft spielen zu wollen. Doch er hat mich nicht angerufen, bis heute nicht.“ In den vergangenen zwei Wochen hat Löw sich um eine Kontaktaufnahme von seiner Seite aus bemüht – telefonisch, per SMS. Dass Özil nicht hingeht, nicht reagiert, das trifft den Bundestrainer. Er war immer sein Förderer gewesen.
„Wir hatten neun wunderbare Jahre zusammen“, erinnert sich Oliver Bierhoff. 2009 bis 2018. Er weiß noch, wie sie sich trafen: Özil, Klaus Allofs, Manager von Özils damaligem Club Werder Bremen, Bierhoff für den DFB. Es ging darum, für welches Land Mesut Özil spielen wolle. Für Deutschland, sein Geburtsland, in dem er die U-Nationalteams durchlaufen hatte? Oder doch für die Türkei – woran seiner Mutter sehr gelegen gewesen wäre? Die Entscheidung fiel für Deutschland, und lange war es eine gute Beziehung. „Ein toller Fußballer, der uns bereichert hat“, meint Oliver Bierhoff.
Löw räumt ein, dass „ich die Fotos absolut unterschätzt habe“. Am 14. Mai wurden sie publik: Özil und Ilkay Gündogan bei einem Empfang des höchst umstrittenen türkischen Präsidenten Erdogan in London. Am 15. Mai nominierte Löw den vorläufigen WM-Kader. „Meine einzige Intention war: Wür müssen sportlich gut sein.“ Dafür brauchte er Özil.
„Mit dem Vorwurf des Rassismus gegenüber DFB und Mannschaft“, findet Löw, „hat Mesut überzogen“. Auch der Bundestrainer zitiert seinen Ex-Spieler da nicht korrekt. Özil hatte nur DFB-Präsident Reinhard Grindel rassistische Denkweise unterstellt, keineswegs den Mitspielern. Wozu auch? „Es gab nie auch nur im Ansatz Rassismus“, versichert Löw. Allenfalls freundschaftlich gemeinte Herkunfts- und Lifestyle-Hänseleien innerhalb der Mannschaft.
In Löws Kader für die kommenden beiden Länderspiele steht Ilkay Gündogan. Der Bundestrainer stellt sportliche Erwägungen in den Vordergrund: Gündogan ist bei Manchester City gut in die neue Saison hineingekommen, „er verfügt über eine großartige Spielintelligenz, ich sehe in ihm einen Spieler, der den Durchbruch schaffen kann.“ Gündogan hatte wegen komplizierter Verletzungen die WM 2014 und die EM 2016 verpasst, 2012 war er im Kader gewesen, blieb aber ohne Einsatzminute, 2018 kam er gegen Schweden für den verletzten Rudy ins Spiel.
Wie die Zuschauer in München auf Gündogan reagieren werden? In Leverkusen gegen Saudi-Arabien vor der WM bekam Gündogan den Zorn der Zuschauer auch für den auf der Bank sitzenden Özil ab – obwohl er selbst sich in der Erdogan-Sache zumindest einem ausgewählten Kreis erklärt hatte. „Er hat jetzt nochmals ein Interview gegeben“, sagt Löw, „in dem er sich zu den deutschen Werten, zur Nationalmannschaft und zum DFB bekannt hat. Mehr kann er auch nicht tun.“ Löw weiter: „Ich hoffe auf das Verständnis der Fans und dass sie ihn unterstützen. Schließlich hat er im Trainingslager und bei der WM schon genug gelitten.“