München – Als Bastian Schweinsteiger nach der Partie noch im verschwitzten Trikot auf dem Podium in der Allianz Arena Platz nahm, bat er zunächst um Entschuldigung. „Ich muss erst mal was trinken“, sagte er, dann begann die Pressekonferenz. Er sah müde aus, als habe er ein WM-Finale mit Verlängerung bestritten. Aber auch glücklich, als habe er es gewonnen. Die Kapitänsbinde baumelte achtlos an seinem Handgelenk, heruntergerutscht, aber ganz ablegen wollte er sie deshalb nicht. Es fiel schwer, an diesem Abend loszulassen.
Sein Abschiedsspiel habe die Erwartungen „definitiv übertroffen“, sagte er, „es war schwer, die Tränen zurückzuhalten“. Tatsächlich herrschte eine feierliche Stimmung wie nie zuvor im Münchner Stadion, Servus mach’s guad im Kollektiv auf den Rängen, sogar der über Jahrzehnte kampferprobte Arjen Robben verspürte „einige Gänsehautmomente“. Schweinsteiger habe sich das verdient und erarbeitet, sagte Robben, „heute Abend hat gezeigt, wie groß er ist“. Schöner, fand Thomas Müller, „geht es nicht – die Sympathien fliegen ihm zu, und dann macht er auch noch dieses Tor zum 4:0, so wunderschön. Ich glaube nicht, dass Chicagos Torwart den absichtlich reingelassen hat.“
Dieses Tor, sagte Schweinsteiger, sei ihm „irgendwie schon wichtig gewesen“. Als er im Sommer 2016 plötzlich im Flieger nach Manchester gesessen sei, um sich United anzuschließen, hatte er einen Kloß im Hals, berichtete er. „Ich konnte mich nie richtig verabschieden.“ Das nachzuholen, noch dazu in einem so stilvollen Rahmen, das hatte ihm viel bedeutet. „Ich bin sprachlos und kann mich bei Bayern nur bedanken.“
„Ich war immer einer von euch und werde auch immer einer von euch bleiben“, hatte Schweinsteiger nach dem Abpfiff ins Stadionmikrofon gesäuselt, nein, nicht gesäuselt, bei ihm ist das glaubhaft, anders, genauso kommt es bei den Fans in seinem Fall immer authentisch an, wenn er auf das Wappen klopft, auf die Stelle, unter der das Herz schlägt. Als die Partie beendet war, wurde die Arena abgedunkelt, nur um Schweinsteiger herum leuchtete es, und die Fans skandierten: „Steht auf für den Fußballgott.“ Am Ende wusste Schweinsteiger auf die Frage, was denn das Schönste war, keine Antwort. Es war zu viel; zu viele Eindrücke – und ein paar Erinnerungen kommen in solchen Momenten ja auch hoch. „Ein Mensch lebt durch seine Erinnerungen“, sagte er. Solche Sätze sagt man, wenn man gerade sehr beschäftigt ist, sein Innenleben zu sortieren.
Im Spiel selbst halfen ihm die Kameraden von einst, die richtigen Wege zu finden. Als Müller reinkam, kommandierte er seinen früheren Kapitän gleich vor ins Sturmzentrum: „Ich habe ihm gesagt, wenn er ein Tor schießen will, reicht es nicht, in der Mitte rumzustehen.“ Das 4:0 war eine märchenhafte Krönung, Ludwig II, der Kini, hätte seine wahre Freude gehabt.
Wann wird er aus den USA zurückkehren, wie sind seine Pläne, wurde er gefragt. Im Winter trifft er die Entscheidung, ob er weiterkickt, und dass er mal wieder nach Hause kommen wird, stehe außer Frage, sagte er. „Jeder weiß, ich bin sehr heimatverbunden, ich bin wahnsinnig gerne hier und komme auf jeden Fall zurück – nur wann weiß ich nicht.“ Die Zukunft ließ er an diesem Abend offen, an dem jeder Stofffetzen die Vergangenheit so schön belebte, dass das Loslassen schwerfiel.