US Open

Unbeirrbar vorwärts auf steinigem Weg

von Redaktion

Frances Tiafoe, Sohn Einwanderer aus Sierra Leone, das erfolgreichste Talent im US-Männertennis

Von Doris Henkel

New York – Seine Stimme klingt so tief wie die eines Bluessängers, der mindestens 20 Jahre älter ist, und in seinen Schlägen steckt jede Menge Wumms. Frances Tiafoe, geboren vor 20 Jahren in Hyattsville im US-Bundesstaat Maryland, ist der erfolgreichste junge Spieler des amerikanischen Tennisverbandes, Ranglistenposition dieser Tage Nummer 44. Er gehört zur #NextGen Kamgagne der Tennisorganisation ATP, ist einer von ursprünglich 16 dieser Tage bei den US Open, und wie es der Zufall will, wird er in der zweiten Runde gegen einen anderen aus dieser Talenttruppe spielen, den ein Jahr jüngeren Australier Alex de Minaur.

Als er im Frühjahr in Delray Beach mit einem Sieg im Finale gegen den Münchner Peter Gojowczyk seinen ersten Titel auf der Tour gewann, war er damit der jüngste Champion aus den USA seit Andy Roddick anno 2002. Ende 2017 war Tiafoe einer von drei Teenagern unter den besten 100 der Weltrangliste neben dem Kanadier Denis Shapovalov und Stefanos Tsitsipas aus Griechenland, aber er hatte mit Abstand den weitesten Weg hinter sich.

Seine Eltern waren 1996 aus Sierra Leone in Westafrika in die USA gekommen, drei Jahre später bekam sein Vater einen Job beim Bau eines Tennis Clubs in der Metropolregion von Washington D.C. in einer gemeinnützigen Organisation, die Tennis für alle anbietet. Als die Bauarbeiten abgeschlossen waren, wurde Frances Tiafoe senior als Mann für alle Fälle übernommen. Manchmal nahm er seine kleinen Zwillingssöhne Frances und Franklin mit in den Club, die schnappte sich spätabends oder an den Wochenenden, wenn keine anderen Kinder mehr in der Nähe waren, Schläger und spielten Bälle an die Wand.

In einem Beitrag für die Internet Platform Players’ Tribune schreibt Frances Tiafoe über diese Zeit: „Ich hab versucht, Techniken zu imitieren, die ich bei den älteren Jungs im Club gesehen hatte, und ich hab mir vorgestellt, ich würde gegen Rafa oder Roger bei den US Open spielen. Wenn unser Vater die ganze Nacht durchgearbeitet hat, dann sind mein Bruder Franklin und ich manchmal auf den Massagebänken eingeschlafen. Schließlich wurde ich offiziell im Club aufgenommen, und der Rest ist Geschichte.“

Aber wenn man sich überlegt, wie es mit einem halbwegs talentierten deutschen Jungen weitergegangen wäre, dann sah Tiafoes Weg auch danach deutlich steiniger aus. Er spielte mit gebrauchten Schlägern und abgelegten Klamotten betuchterer Jungen, und wenn er den Leuten erzählte, er wolle Tennisprofi werden, dann lachten sie ihn aus. Dabei gab es auch in seiner eigenen Familie spürbaren Widerstand. Viele Jahre lang versuchte ihn seine Mutter zu überzeugen, er solle nicht einen ungewissen Job wie diesem hinterherrennen, sondern sich lieber auf eine solide Ausbildung am College konzentrieren. Aber Frances Tiafoe setzte sich durch. „Tennis“, so sagt er, „war der Weg nach draußen für mich.“

Mit 15 gewann er das bekannteste Juniorenturnier der Welt, die Orange Bowl in Miami, mit 16 spielte er zum ersten Mal in der Qualifikation bei den US Open, zwei Jahre danach stand er zum ersten Mal im Hauptfeld, und im vergangenen Jahr hätte er fast in der ersten Runde einen gewissen Roger Federer rausgeschmissen; er verlor nach harter Gegenwehr in fünf Sätzen. Natürlich war er enttäuscht nach der Niederlage, aber irgendwie musste er auch daran denken, wie es mit der Chance ausgesehen hatte, dass er, der Sohn von Immigranten, der mit alten Schlägern begonnen hatte, jemals einem Superstar wie Roger Federer begegnen, geschweige denn gegen ihn spielen würde.

Er kennt den Schweizer von diversen gemeinsamen Übungsstunden und auch vom Laver Cup inzwischen ganz gut, aber der Mann, dem er am liebsten nacheifern würde, ist Juan Martin del Potro. Er kann sich gut daran erinnern, wie er vor neun Jahren das Finale in New York verfolgte, in dem der Argentinier gegen Federer überraschend gewann und wie damals dachte: So wie der will ich auch sein.

Er wird in ein paar Wochen beim zweiten Laver Cup mit del Potro in einer Mannschaft spielen, und darauf freut er sich schon jetzt. Im vergangenen Jahr, bei der Premiere des Wettbewerbes, hatte er wieder mal einen dieser Momente erlebt, in denen er darüber staunen muss, wie alles gekommen ist. Seine Ecke in der Kabine war – wie bei allen im Team – mit einem fast lebensgroßen Foto von ihm selbst dekoriert, und Tiafoe war schwer beeindruckt. Das ist cool, dachte er, verdammt cool. Davon will ich mehr.

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