Grassau – Das Chiemgauer Ambiente lockt Touristen aus aller Welt, und sogar arbeiten lässt es sich mit Blick auf das Bergpanorama leicht. Dass es gestern zu regnen anfing, hat das Klima bei den DFB-Frauen nicht getrübt, im Gegenteil. „Jetzt spielt auch noch das Wetter mit“, sagte Horst Hrubesch, der die deutschen Fußballerinnen hier die letzten Tage auf ihr entscheidendes Spiel in der WM-Qualifikation vorbereitet. Die Partie findet morgen auf Island statt. Da herrscht ein anderes Ambiente als im Chiemgau, dem Paradies der Sommerfrischler. „Wir werden bereit sein“, so Hrubesch. Wind- und wetterfest. Nix Sommerfrischeln.
Generell ließ der 67-Jährige keine Zweifel an den DFB-Frauen zu, die er im Frühjahr von der glücklosen Steffi Jones übernommen hat und bisher in drei Spielen jeweils zum Sieg coachen konnte. Er sei „da verbissen“, sagte er, „ich will die letzten zwei jetzt auch gewinnen“. Am Dienstag geht es gegen Färöer. Aber das, was zählt, ist Island. Die DFB-Auswahl reist mit einem Punkt Rückstand als Tabellenzweiter an, nur der Erste qualifiziert sich direkt für die WM im nächsten Sommer in Frankreich. Das 2:3 im Hinspiel gilt als Tiefpunkt einer Entwicklung, die schon länger zu denken gibt. „Das war ein Tag, wie man ihn mal hat“, sagte Hrubesch, der sich im Verband als Allzweckwaffe bewährt hat. Die Frauen sind nun seine letzte Mission, ehe er am 31. Dezember endgültig und unwiderruflich in den Ruhestand geht – zumindest solange, bis der DFB anruft, weil er wieder mal eine Allzweckwaffe braucht.
Der alte Haudegen strahlte gestern Zuversicht und Ruhe aus, und er meinte, dass es gar nicht schwer ist, das auch auf seine Spielerinnen zu übertragen. Es sei sogar leichter, Frauen zu coachen, erzählte er, sie seien strukturierter – und man bekäme immer 100 Prozent. „Ich gebe zu: Vor sechs Monaten habe ich um die Qualität im Frauenfußball auch nicht so Bescheid gewusst“, sagte er. Er gehörte zwar beim Olympiasieg 2016 in Rio zur Delegation, aber was er jetzt bei der gemeinsamen Arbeit auf dem Platz erlebt hat, habe ihn überwältigt: „Diese letzten fünf, sechs, sieben Monate sind eine Erfahrung in meinem Leben, die ich nicht missen möchte.“ Er sei seinen Spielerinnen „sehr dankbar“, sagte er am Ende der Pressekonferenz, als keine Fragen mehr kamen, er sagte das von sich aus, es war ihm ein Anliegen. „Das war ein geiler Job.“ Nach der Qualifikation übernimmt Martina Voss-Tecklenburg, die aktuell noch die Schweiz befehligt.
Das Spiel in Reykjavik wird ausverkauft sein, doch auch beim Test im Sommer in Kanada sei das so gewesen, erinnerte er. Vor 28 000 Zuschauern gaben seine Spielerinnen (er nennt sie mit väterlichem, fast großväterlichem Charme „Mädels“) gegen den Weltranglisten-Dritten nicht nach. „Wir haben verdient 3:2 gewonnen.“ Am Samstag dürfe man „jetzt keine Gala erwarten, aber Island ist keine Mannschaft, die uns auseinanderspielen kann. Wir sind nicht arrogant, aber wir werden dagegenhalten, werden nicht Harakiri spielen, aber das Spiel von Anfang an in die Hand nehmen – und am Ende erfolgreich sein, da habe ich keine Bedenken.“
Was er macht, wenn alles vorbei ist, steht auch schon fest: Ab Februar geht es 45 Tage nach Neuseeland, mit seiner Frau, einmal im Auto quer durchs Land („das war schon immer mein Traum“). Die Reise ist eigentlich schon heuer geplant gewesen, wegen des Interimsengagements bei den DFB-Frauen musste sie verschoben werden. Whalewatching, Helikopterflug – die Hrubesch’ haben das Programm schon ausgetüftelt. „Es ist auch ein Dank an meine Frau, wir sind 46 Jahre verheiratet, sie musste oft zurückstecken.“ Und wenn der DFB anruft? Hrubesch schüttelt den Kopf: „Da ist das Handy aus. Da gibt es nur noch ein Notfalltelefon, aber nicht für den Fall, dass es beim DFB brennt.“ Hrubesch lächelt im Chiemgauer Bergpanorama: Schmuddelwetterarbeit auf Island im Blick, Neuseeland am Horizont – das sind Aussichten, ganz, wie sie ihm gefallen. Sommerfrischeln sollen die anderen.