Rio de Janeiro/New York – Brasiliens Selecao logiert gerade im gehobenen The Westin in Jersey City. Ein paar Kilometer den Hudson River hinab kauert ein 86-Jähriger, der sich 2014 bei der WM im eigenen Land als Präsident des nationalen Verbandes CBF noch strahlend vor Neymar und Co. stellte, in einer Zelle. Ein Gericht in New York verurteilte Jose Maria Marin am 22. August zu vier Jahren Haft. Das erste Schwergewicht im FIFA-Prozess bekam seine Strafe.
Vom Auftritt des fünfmaligen Weltmeisters am Freitag gegen die USA im MetLife Stadium, eine halbe Autostunde vom US-Bundesgefängnis Metropolitan Detention Center im Stadtteil Brooklyn entfernt, wird der Häftling mit der Nummer 86356053 nichts mitbekommen. Sein Vorgänger Ricardo Teixeira und sein Nachfolger Marco Polo Del Nero eher auch nicht. Die beiden geben sich daheim dem Wohlstand hin.
Marin, der zwischen 2012 und 2015 die CBF anführte, wurde zu vier Jahren Haft und einer Geldstrafe von 1,2 Millionen Dollar verdonnert. Und musste sich von Richterin Pamela Chen als ein „Krebsgeschwür“ für den Fußball bezeichnen lassen. Die Justiz griff zudem auf Eigentum im Wert von 3,3 Millionen US-Dollar zu.
Der ehemalige Politiker, dem nachgesagt wird, in der Zeit der Militärdiktator mit einer flammenden Kritik zur Folter und Ermordung des Journalisten Vladimir Herzog beigetragen zu haben, hatte den Fußball kräftig gemolken. Bei der Vergabe von Marketing- und TV-Rechten für den nationalen Pokal, den Libertadores Cup, südamerikanisches Pendant zur Champions League, selbst für das kontinentale Flaggschiff Copa America.
Gleiches tat zuvor Teixeira (71), dessen 2016 verstorbener Schwiegervater Joao Havelange als CBF-Präsident mit drei WM-Titeln der Selecao an Macht gewann und zwischen 1974 und 1998 den Weltverband FIFA zu einem Milliarden-Unternehmen aufblähte, inklusive aller negativer Begleiterscheinungen.
Sein Zögling diktierte die CBF immerhin 23 Jahre lange bis März 2012, ehe er erdrückt von Vorwürfen der unrechten Bereicherung aus dem Amt flüchtete. Es kam Marin, dann Del Nero, der aber im April von der Ethik-Kommission der FIFA auf Lebenszeit verbannt wurde. Die US-Behörden hätten auch allzu gern Zugriff auf die beiden anderen.
Doch Brasilien liefert seine Staatsbürger nicht aus. Vor allem, weil diese Macht und Beziehung in höchste Kreise haben. Weltmeister Romario wollte als Abgeordneter dem Trio mit einer parlamentarischen Untersuchungskommission an den Kragen, doch scheiterte er im politischen Ränkespiel. Teixeira und Del Nero genießen ihr Luxusleben weiter, wagen aber keinen Schritt mehr über die Landesgrenze.
Seit dem FIFA-Wahlkongress im Mai 2015 hat Brasilien keine machtvolle Stimme mehr auf internationaler Ebene. Zwei Tage bevor sich der damalige FIFA-Boss Joseph S. Blatter ein letztes Mal zum Präsidenten des Weltverbandes küren ließ, wurden Marin und weitere hochrangige FIFA-Funktionäre in ihrem Züricher Hotel verhaftet. Und Del Nero verschwand wortlos für immer im Flieger nach Hause. sid