München – Es sah so aus, als habe Julian Brandt einen Ritterschlag erhalten; bei der ersten Pressekonferenz mit deutschen Nationalspielern, die nach der missratenen WM ja auch einen Neuanfang symbolisieren sollte, hockte der Leverkusener eingerahmt von den Haudegen Manuel Neuer und Thomas Müller oben auf dem Podium. Mit seinen 22 Jahren ist er einer dieser jungen Spieler, die für Aufbruch stehen sollen, und dazu passt, dass er die bedeutungsschwere Nummer zehn bekommen hat. Beim WM-Sieg 2014 trug Lukas Podolski dieses Shirt, zuletzt hatte es Mesut Özil. Die „10“ bekommt nicht jeder. Auch das also ein Ritterschlag – dachte man. Gestern aber verriet Brandt, dass alles eher nur ein Zufall war.
Er habe jedenfalls nicht aktiv aufgezeigt, als die „10“ neu vergeben wurde, erzählte er. „Ich hatte da kein Mitspracherecht, aber ich habe sie natürlich dankend angenommen.“ Das sei „eine ehrenvolle Nummer mit großer Bedeutung – ich hoffe, ich wachse da rein. Ich habe breite Schultern. Ich denke, es passt.“
Sinnbildlich ist die Vergabe der „10“ aber auch; nach der Demission von Özil gibt es keinen klassischen Ballverteiler mehr. Als Anwärter formieren sich neben Brandt Marco Reus, Ilkay Gündogan, Julian Draxler, Thomas Müller, Kai Havertz und vielleicht mal Mario Götze – aber keiner dieser Kandidaten ist ideal. Auch deshalb wäre es plausibel, wenn Bundestrainer Joachim Löw die Position gleich komplett abschaffen würde. Eine Umstellung vom 4-2-3-1 auf ein 4-3-3 mit zwei Achtern wäre möglich, auch ein 3-4-3, mit dem man beim Confed Cup erfolgreich war. Beide Formationen würden einen „10er“ entbehrlich machen; schon 2014, als die WM gewonnen wurde, agierte Löw im 4-3-3, Özil schob er dabei auf Linksaußen.
Löws neuer „10er“ ist generell auf der Außenbahn beheimatet. Bei der WM in Russland galt er als einer der wenigen Lichtblicke, obwohl er lediglich als Joker reinkam, und das mit überschaubaren Einsatzzeiten: 19 Minuten stand er auf dem Feld, er kam in der 86., 87. und 78. Minute rein. Zwei Mal traf er den Pfosten, immerhin. Er hatte sich bereits im Vorfeld des Turniers auf wenig Verwendung eingestellt, sagte er, generell habe wohl keiner groß mit ihm gerechnet. Insofern hielt sich die Enttäuschung in Grenzen, zumindest aus persönlicher Warte. Insgesamt aber hatte ihn das Abschneiden genauso getroffen wie die Kollegen.
Entsprechend will auch er die WM vergessen machen, obwohl ihn wenig Schuld an der Misere in Russland traf. Bei der Frage, ob das Team auch für den Bundestrainer spielen werde, meinte Müller zu Brandt: „Julian, sag du mal was!“ Der Coach sei genauso Teil des Teams wie jeder Spieler, sagte der 22-Jährige. „Er hat zwar einen großen Teil der Schuld auf sich genommen, aber wir wollen dem Trainer jetzt das Gefühl geben, dass er auf uns bauen kann – und wir weiter auf ihn bauen können.“ Das hörte sich dann fast schon wie ein alter Haudegen an. awe