Ein Stockwerk unter Picasso

von Redaktion

Die Nationalspieler versprechen Powerfußball, aber so richtig stimmig ist das Bild noch nicht

VON ANDREAS WERNER

München – Die Spieler saßen um 12.27 Uhr auf dem Podium, drei Minuten vor dem offiziellen Start der Pressekonferenz im Münchner Hilton Hotel. Wer penibel ist, mochte das als kleines Indiz werten, dass die deutsche Nationalelf in Zukunft wieder für mehr Zug und auch mehr Service stehen will. Wahrscheinlich aber war es schlicht Zufall. Momentan wird rund um die deutsche Nationalelf ja so ziemlich alles notiert, analysiert und interpretiert. Manuel Neuer, Thomas Müller und Julian Brandt standen im Saal Foyer I/II Rede und Antwort – ein Stockwerk darüber heißen die Räume Picasso, Miro und Dali. Zur hohen Kunst fehlt dem entthronten Weltmeister derzeit einiges.

Das Stadion morgen beim ersten Spiel nach der völlig verkorksten WM wird ausverkauft sein – Neuer wertete das „als gutes Zeichen: Die Leute wollen uns sehen.“ Wobei hilfreich sein dürfte, dass Frankreich zum Auftakt der neuen Nations League anreist – der Weltmeister, „was Besseres gibt es derzeit nicht“, so Müller. Wäre Fußball Kunst – und viele sehen das so –, wäre ein Weltmeister ein Picasso, ein Miro oder Dali, je nach dem Geschmack des Betrachters. Auch das zieht Leute.

Welches Bild hingegen die deutsche Nationalelf abgeben wird, ist noch unklar, es ist ja nicht einmal sicher, welche Leinwand bemalt wird; eine gänzlich neue hat Bundestrainer Joachim Löw nicht gewählt, er hat sich eher dafür entschieden, ein bisschen am alten Motiv herumzupinseln. Und so warten die Fans gespannt, was herauskommt.

Der Stil werde „ein bisschen modifiziert“, sagte Müller gestern, grundsätzlich am Ballbesitzfußball aber sollte man schon festhalten, so der Bayer. „Unsere Spieler haben ihre Qualitäten am Ball, wir sollten ihn also viel haben, jedoch nicht so ausschmücken, dass wir nicht mehr erfolgreich sind.“ Ballbesitz, erklärte Müller, sehe oft „zähflüssig, langsam und langweilig aus“ – da sei es danach schwer, zu

Müller verdient sich als Erklärer Bestnoten

erklären, dass man alles versucht hat. Gegen Frankreich werde es „mehr Umschaltmomente geben, dass es für den Zuschauer dann wieder nach Powerfußball ausschaut. Wir werden alle versuchen, Powerfußball zu zeigen.“

Müller verdiente sich gestern als Erklärer Bestnoten. Im Gegensatz zu Neuer wollte er etwas sagen und die Dinge plausibel machen. Er hat ja feine Antennen und weiß, sobald die Erfolge ausbleiben, wird alles hinterfragt, „selbst wer beim Kartenspielen bei uns den letzten Stich macht“. Während Neuer bei der Frage nach dem „Spiegel“-Bericht bockte, im Team gebe es einen Riss zwischen den Spielern ohne und jenen mit Migrationshintergrund („habe ich nicht gelesen“), sprang Müller erneut in die Bresche: Er habe den Text auch nicht gelesen, aber davon gehört. Auch, dass er namentlich erwähnt wurde. „Wir verstehen uns echt gut, ich kann einen Riss im Team absolut verneinen“, beteuerte er. Er könne sich nicht erinnern, täglich „Yo, man“ gesagt zu haben – und wenn so etwas mal gesagt werde, sei das nicht provokant, erklärte der 29-Jährige.

Das Grundproblem, das sich auf dem Spielfeld ergibt, wird auch eher, wie Löw die Frage mit dem Ballbesitz- und dem Powerfußball löst. Denn bei Licht betrachtet, wäre es ein Verrat an der eigenen Sache, nun voll auf Umschaltspiel zu setzen, nur um den Anschein zu erwecken, seine Ziele mit mehr Power zu verfolgen. Auch bei der WM habe jeder 100 Prozent gegeben, lautet Müllers Überzeugung, „nur glaubt uns das keiner“.

Sollte es gleich zum Start der Nations League eine Niederlage setzen – was nicht unrealistisch ist –, würde das für die meisten DFB-Stars eine ganz neue Erfahrung bedeuten: Die wenigsten haben in ihrer Vita bisher mit Abstiegskampf zu tun gehabt. Als das Wort im Saal Foyer I/II die Runde machte, grinste Müller schief, und Neuer sagte: „Wir wollen nach einem Spiel in den Spiegel schauen und sagen: ,Hey, wir haben ein gutes Spiel gemacht.’“ Damit hatte der Kapitän eigentlich alles ganz gut auf einen Nenner gebracht: Es muss nicht immer Picasso sein – aber seinen eigenen Anblick sollte man schon ertragen können.

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