New York – Die Luft war so schwer, dass man sie fast schneiden konnte, der Schweiß floss in Strömen, und am Ende stand ein Sieg, mit dem niemand gerechnet hatte. Ein Australier vom Weltranglistenplatz 55 namens John Millman war robuster an diesem denkwürdigen Abend als Roger Federer. Alle sagen, Millman sei ein unglaublich netter Kerl, der in seiner Karriere mit diversen Verletzungen viel Pech gehabt habe und mit Ende 20 endlich zeigen könne, was in ihm steckt. Als er vor Beginn des Turniers eine Stunde im Arthur Ashe Stadion als Trainingspartner von Novak Djokovic spielen durfte, dachte er, dass er vermutlich so bald nicht wieder im größten Tennisstadion der Welt landen würde. Doch er kehrte nicht nur zurück, sondern er machte das Spiel seines Lebens und gewann.
Weil er nicht nur ein netter Typ ist, sondern auch eine Reputation als harter Arbeiter im Training hat, war er im Juni von Federer zu ein paar gemeinsamen Trainingstagen auf Rasen in die Schweiz eingeladen worden; die Herren kannten sich also ganz gut. Für Millman war die Sache vor dem Achtelfinale gegen den großen Favoriten klar: Auf der einen Seite wusste er, dass er einem verehrten Konkurrenten gegenüber stehen und natürlich nervös sein würde; auf der anderen wollte er sich von den Umständen nicht überrumpeln lassen.
Er sei sich immer bewusst gewesen, nicht ohne Grund in der vierten Rund gelandet zu sein, sagte er hinterher, und im übrigen habe er noch nie gegen die Reputation eines Gegners gespielt, sondern immer nur gegen den Mann selbst. John Millman ist ein intelligenter Typ; er zählte zwei und zwei zusammen und kam zu dem Ergebnis, dass es immer eine Chance gibt, bis das Gegenteil bewiesen ist.
Federer gewann den ersten Satz und führte auch im zweiten. Er spielte nicht überragend und schwitzte extrem stark – so was sieht man bei ihm sonst nie –, und seine Erfolgsquote beim ersten Aufschlag war mit 31 Prozent unterirdisch. Dann vergab er beim Stand von 5:3 zwei Satzbälle, und von dem Moment an ging es mit zunehmender Geschwindigkeit bergab. Millman schnappte sich diesen Satz und war auch im dritten der Bessere. Federer leistete sich Doppelfehler wie lange nicht, versuchte die Ballwechsel mit Stopps zu verkürzen und präsentierte eine stattliche Kollektion von Fehlern.
Es war längst allen klar, dass irgendwas nicht in Ordnung war. Der Rücken vielleicht, mit dem er immer wieder mal Probleme gehabt hatte? Irgendein gestresster Muskel? Nichts dergleichen. „Ich hatte einfach das Gefühl, dass es sehr heiß ist“, sagte er eine Stunde nach dem Spiel, als Mitternacht längst vorüber war. „Ich hab keine Luft bekommen, in der Art ist mir das zum ersten Mal passiert. John ist mit den Bedingungen besser klargekommen, vielleicht, weil er aus Brisbane kommt, einem der schwülsten Plätze auf der Erde. Irgendwann war ich einfach nur noch froh, dass es zu Ende war.“
Seit das Arthur Ashe Stadion vor zwei Jahren ein Dach bekam, kommt unten auf dem Platz wegen des Aufbaus kaum noch ein Luftzug an. Millman ließ dennoch nicht locker und spielte wie einer, der die Partie seines Lebens macht. Als am Ende die Werte verglichen wurden, standen auf seiner Seite 47 so genannte Winner und 28 unerzwungene Fehler. Bei Federer sah das Verhältnis mit 65 zu 77, darunter zehn Doppelfehler, deutlich ungünstiger aus.
Die Entscheidung fiel im Tiebreak des vierten Satzes, in dem er schnell klar zurück lag, und dann war es tatsächlich vorbei (6:3, 5:7, 6:7, 6:7). Zum ersten Mal seit der Niederlage gegen Sergej Stachowski in Wimbledon 2013 verlor Federer bei einem Grand Slam gegen einen Konkurrenten, der in der Weltrangliste nicht zu den besten 50 gehört. Doch für alle, die sich vielleicht Sorgen um ihn machen, ließ er wissen, das Ganze habe nichts mit seinem Alter zu tun. „Ich freue mich darauf, dass ich jetzt Pause machen kann, und dann werde ich zum Laver Cup zurückkommen und das Jahr danach hoffentlich in starker Form beenden.“ Der von ihm mitveranstaltete Laver Cup wird in gut zwei Wochen in Chicago gespielt.
Auf John Millman wartet derweil nach dem in Schweiß getränkten Abend mit einer viel zu kleinen Dosis Sauerstoff die nächste Aufgabe, das Viertelfinale heute gegen Novak Djokovic. Leichter wird das nicht, so viel ist klar.