Kasachstans Hintertürchen

von Redaktion

Die Nations League verspricht den Großen noch mehr Geld und stellt den Kleinen eine Aufwertung in Aussicht

von marc beyer

München – Die Sache mit der Hymne ist der UEFA wichtig. Vor jedem Spiel der Nations League wird sie künftig erklingen, ähnlich wie bei der großen Schwester Champions League, und auch stilistisch ist die Königsklasse des Vereinsfußballs offenkundig Vorbild gewesen. Streicher und Bläser leisten ihren Beitrag, auch der Chor kommt einem bekannt vor. An Bombast ist wahrlich nicht gespart worden.

Dazu passt, dass der Kontinentalverband das klassische Vokabular des Fußballmarketings bemüht. Die Hymne, die im Januar erstmals vorgestellt wurde, reflektiere „die Energie und den Schwung“, der mit so einem neuen Wettbewerb verbunden sei. Ziel sei es gewesen, ein Stück zu komponieren, „dass die Einheit symbolisiert, aber auch die Emotionen, die mit so einem ernsthaften Wettbewerb verbunden sind“.

Den seriösen Charakter der Nations League zu betonen, ist der UEFA ein besonderes Anliegen. Reflexartig denkt der misstrauische Fan bei einem neuen Wettbewerb zuerst an das viele Geld, das ein Verband mit jedem neuen Format zu scheffeln gedenkt. Und es stimmt ja auch: In den nächsten Jahren wird eine neun-bis zehnstellige Summe an den Verband fließen und von dort weiter an die einzelnen Nationen. Da kann man schon mal seinen Widerstand aufgeben, so wie der DFB, dessen Präsident Reinhard Grindel heute sagt: „Der Unterschied zu früher ist: Es geht richtig um etwas.“

Ab morgen also wird also vor jeder Partie die Hymne ertönen, und nach dem Finale am 9. Juni 2019 gibt es einen Pokal inklusive Konfettiregen. Dass der Sieger den Titel allerdings in seinen Briefkopf aufnimmt, ist nicht zwingend zu erwarten. Dafür geht es dann doch um zu wenig, abgesehen vom vielen Geld.

Sportlich ist die Nationenliga insofern ein Gewinn, als auch die ganz Kleinen in den Kreis der Großen eindringen können. Aus jeder der vier Ligen (A bis D) nehmen die vier besten noch nicht für die Europameisterschaft qualifizierten Teams im März an Playoffs teil, bei denen die letzten vier EM-Tickets ausgespielt werden. Da die meisten Top-Nationen zu diesem Zeitpunkt eh schon sicher beim 24er-Turnier dabei sind, tut sich für Außenseiter wie Montenegro oder Zypern (aus Liga C), im Extremfall sogar für Viertklässler wie Kasachstan oder Armenien, ein Hintertürchen auf.

Ausgedacht hat sich das Format der frühere UEFA-Präsident Michel Platini, der dabei auf die bewährte Taktik früherer Fußballfunktionäre vertraute. Den Großen versprach er noch mehr Geld, den Kleinen Geld und die Aussicht auf eine sportliche Aufwertung.

„Natürlich gibt es ein paar kritische Stimmen“, sagt Nationalspieler Thomas Müller und nennt gleich Beispiele: „Nächster Schritt in Richtung Kommerzialisierung, wieder ein Wettbewerb diktiert von der UEFA.“ Die Argumente liegen auf der Hand, trotzdem hat Müller für sich beschlossen, ein umstrittenes Projekt von der positiven Seite zu betrachten: „Als Sportler finde ich es besser, die Testspiele in Wettkampfform zu packen.“ Das Gesamtkonstrukt Nations League nennt er deshalb „ganz gut“.

Das ist kein überschwängliches Urteil, aber allemal wohlwollender, als noch vor einigen Monaten zu befürchten war. Auch wenn der sportliche Wert, für den Auf- und Abstieg zwischen den Ligen sorgen sollen, überschaubar bleiben dürfte. Sollten dem deutschen Team die Partien gegen Frankreich und die Niederlande misslingen, würde es für Joachim Löw sicher ungemütlich. Es gäbe dann viele Vorwürfe, aber das Scheitern in der Nations League dürfte eher keine große Rolle spielen.

Ein Randaspekt des neuen Formats blieb bislang unbeachtet. Mit der Reduzierung der Testtermine schwinden auch die Gelegenheiten, sich mit nicht-europäischen Großmächten zu messen. Dabei hätte ein Kick gegen Brasilien oder Argentinien im Zweifelsfall mehr Reiz als jedes Nations League-Punktspiel. Auch ohne Hymne.

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