München – Als die Interviewrunde beendet ist, steht Celia Sasic vor dem Buffet in der „Champions Sportsbar“ des Münchner Marriott Hotels. Es köcheln reichlich Kalorien vor sich hin; Burger, Hähnchenschenkel, Chicken Wings. Ob sie Fleisch mag, erkundigt sich jemand vorsichtig. Die 30-Jährige lacht, fast irritiert: „Selbstverständlich!“ Als sie zum Tisch kommt, hat sie eine ordentliche Portion auf ihrem Teller gestapelt. „In einer Sportsbar muss das Essen genau so sein“, meint sie, „das gehört doch dazu.“
Man soll sich bloß nicht täuschen in Celia Sasic, 30, gertenschlank und unglaublich sympathisch anzuschauen – die Frau weiß schon, was Sache ist. Das will sie ab dem kommenden Dienstag, wenn die Champions League startet, auch den Zuschauern des „Fantalks“ auf „SPORT1“ zeigen, live ab 20 Uhr. Sie wird die erste Frau im deutschen Fernsehen, die als Expertin im Männerbereich spricht. Reporterinnen, Moderatorinnen, Kommentatorinnen gibt es schon, und im Frauenfußball ist Nia Künzer etabliert, auch Kim Kulig und Celia Sasic sah man bereits im ZDF. Doch mitdiskutieren in einer Männerrunde, das ist neu.
Celia Sasic hat 111 Länderspiele absolviert, bis auf die WM alles gewonnen und verabschiedete sich 2015 als Europas Fußballerin des Jahres aus dem aktiven Geschäft. Die letzten Jahre beendete sie ihr Studium, brachte eine Tochter zur Welt – und schaltete den Fernseher ein, wann immer der Ball rollte. Natürlich hat sie bei der WM nun in Russland mitbekommen, wie es Frauen im Fernsehen ergehen kann, die sich mit Männerfußball befassen; Claudia Neumann sah sich im ZDF ungezügelten Attacken ausgesetzt. „Es ist für manche sicher ungewohnt, wenn eine Frau über Fußball fachsimpelt“, sagt Sasic, „für einige ist das schwer, wenn Bekanntes durchbrochen wird. Aber ich mache mir da keine Sorgen.“ Sie hängt die sozialen Medien nicht zu hoch („ich bin da nicht so aktiv“), hat eine überzeugende Vita und weiß, dass der Sender „mich nicht einfach auf der Straße angesprochen hat: ,Hey, du kannst doch bei uns mal über Fußball reden!’“ Im Übrigen seien Frauen in Expertenrunden im Ausland längst etabliert. Warum also jetzt nicht im ach so aufgeklärten Deutschland?
Celia Sasic hört und sieht man(n) gerne zu. Nicht umsonst hat sie auch der DFB für seine Bewerbung um die EM 2024 entdeckt. Am 27. September fällt die Entscheidung, die Botschafterin ist sich sicher, dass ein Zuschlag „nicht nur gut für den Fußball, sondern das ganze Land ist“. Die EM könne Deutschland gerade in der heutigen Zeit wieder einen Schub geben. „Wir haben einen schweren Sommer hinter uns mit Debatten, die man nicht haben möchte, und wir alle haben bei der WM 2006 erlebt, wie Deutschland zusammengewachsen ist, sich ab da fast ganz neu definiert hat“. Danach sei Deutschland in anderen Ländern anders wahrgenommen worden. „So ein Turnier, schon die Vorbereitung darauf, hat ungemein verbindenden Charakter. Jeder von uns weiß, was das bewirken kann. Es wäre wichtig für den Fußball, aber auch für das Land an sich. Sport hat enorme integrative Kraft.“
Die Spannung auf der Zielgeraden der EM-Vergabe zerstreut sie ab nächster Woche im TV-Studio. In ihrer neuen Rolle will sie sich eher an einem Analytiker wie Thomas Hitzlsperger orientieren als an den Lautsprechern unter den Gurus. „Ich werde nicht so einfach auf den Tisch hauen, da wäre ich nicht glaubwürdig“, sagt sie, aber einfach nur Statistiken runterbeten, sie imitiert das, schließt die Augen und tut, als würde sie Datenbanken durchgehen, das wird sie auch nicht: „Ich sage meine Meinung.“
Den FC Bayern traut sie „auch ohne Leuchttürme wie Cristiano Ronaldo und Neymar das Champions League-Halbfinale zu“, sagt sie, und bei der DFB-Auswahl findet sie, „hilft ein richtiger Schlag, auch wenn er wehtut, bei der Selbsterkenntnis“. Sie selbst ging einst auch mit der Nationalelf bei der Heim-WM 2011 baden, das Viertelfinal-Aus gegen Japan war für die erfolgsverwöhnten Frauen ein schwerer Schock. Zwei Jahre später aber waren sie Europameister, „und für mich war 2011 erst der Startschuss, ich habe danach noch 60 Länderspieltore gemacht“. Ob Joachim Löws Team wieder auf die Beine kommt? „Klar, definitiv“, sagt Celia Sasic. Das kommt genauso schnell aus ihr raus wie das „selbstverständlich“ bei der Frage, ob eine Frau wie sie Fleisch esse.