Kirchseeon – Dass es in Deutschland exzellente Sportschützinnen gibt, ist kein Geheimnis. Schließlich werden deren Erfolge, die bei Olympischen Spielen den deutschen Medaillenspiegel zuverlässig aufpolieren, gerne ausgeschlachtet. Für Tage oder Wochen stehen die erfolgreichen Sportlerinnen im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Dieser Hype hält nicht lange, es ist das Schicksal der Randsportart.
Eine, die sich anschickt, den Schießsport mehr in den Blickpunkt zu rücken, ist Isabelle Straub, 27 Jahre jung, Lehramts-Kandidatin und eine, die bei der WM in Changwon (Südkorea) für Furore sorgte. Die Kirchseeonerin (Landkreis Ebersberg) trat nicht nur in die großen Fußstapfen ihrer Vorgängerinnen, sie breitete sie sogar ein wenig aus. Fünf Medaillen (zweimal Gold, zweimal Silber, einmal Bronze) baumelten am Ende um ihren Hals. Dazu gab’s zwei Weltrekorde. Produkt intensiver Vorbereitung, aber auch geplant?
„Mit der Mannschaft waren wir gut aufgestellt, da habe ich mit einer Medaille spekuliert“, sagt Straub. Es wurden zwei Goldene. Mit dem Kleinkaliber (KK) im Liegend-Wettbewerb gemeinsam mit Jaqueline Orth und Amelie Kleinmanns gab’s den WM-Teamtitel und für die 1871,4 Ringe einen Weltrekkord. Zweites Mannschaftsgold folgte bei der KK-Dreistellung, bei der die Schützinnen liegend, knieend und stehend je 40 Schuss abgeben müssen. Straub holte hier Einzel-Silber und mit Jolyn Beer und Orth Gold, dazu den nächsten Weltrekord (1180 Ringe). Hinzu kam, wie im Liegend-Wettkampf, Silber im Einzel. Mit Bronze im Luftgewehrteam mit Selina Gschwandtner und Julia Simon rundete Straub ihre Bilanz ab. „Die Stände scheinen mir zu liegen“, fasste die Studentin mit einem Schmunzeln zusammen.
Angestachelt vom Vorbild einer älteren Schwester und Eltern, die „immer sehr aktiv an den Ständen waren“, begann ihre Karriere mit zehn Jahren. „Ich war allerdings zu klein, ich musste mich auf einen Bierkasten stellen“, erinnert sich Straub. Dass das Luftgewehr ihr bevorzugtes Sportgerät wurde, lag am Vater. „Er hat gesagt Luftpistole ist für alte Leute“.
Spätestens mit der jüngsten WM ist Isabella Straubs Traum, die Teilnahme an den Olympischen Spielen von Tokio, auf dem Weg, wahr zu werden. Allerdings kommt die stärkste Konkurrenz dabei aus dem eigenen Lager. „Wir haben ein unheimlich hohes Niveau“, sagt Straub und verweist auf die kürzlich beendete „Deutsche“: „Die DM-Quote ist hoch wie bei einigen Weltcups. Schon die Teilnahme ist ein Erfolg.“
Dass es in Korea derart gut laufen und sie ihre Ansprüche auf eine Olympia-Fahrkarte so unterstreichen würde, hatte die Kirchseeonerin selbst nicht erwartet, war aber absehbar. Denn in Vorbereitungswettkämpfen hatte Straub auch unter Druck Stabilität bewiesen.
Auf die Frage, warum sie sich nicht auf ein Sportgerät, Luftgewehr oder Kleinkaliber, konzentriert und so die Siegchancen vielleicht sogar erhöht, hat die 27-Jährige eine ganz einfach Antwort parat: „Weil ich beides gut kann. Und die Ergebnisse stimmen auch. Zudem macht’s Spaß.“ Ist aber anstrengend. „In Korea bin ich abends immer todmüde ins Bett gefallen.“
Auf dem Weg nach Tokio 2020 nimmt Straub viel Mühsal in Kauf. „Mein Terminkalender ist proppevoll. Von Oktober bis Dezember habe ich jetzt beispielsweise kaum ein freies Wochenende.“ Neben dem Studium wohlgemerkt. Stetig gute Ergebnisse sichern der Kirchseeonerin allerdings noch lange nicht die Olympiateilnahme. Sie muss zum deutschen Top Team gehören, also bei EM oder WM unter den ersten Acht gelandet sein, sonst sieht der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) keine Chance auf eine Finalteilnahme. Keine Finalchance, kein Olympia-Ticket.
Kommt dann noch ein Quotenplatz in der Disziplin dazu, steht noch die wohl gravierendste Hürde bevor: die interne Ausscheidung im Frühjahr 2020. Bis dahin heißt es im Falle von Isabella Straub, das Niveau zu halten. Was schwer genug sein dürfte.