Konkurrenz im Tiefflug

von Redaktion

Der FC Bayern beklagt zwei weitere Schwerverletzte, die Ohnmacht in der Liga ist alarmierend

VON ANDREAS WERNER

München – Es hätte so idyllisch sein können. Joshua Kimmich beispielsweise wurde nach einem gelungenen Arbeitstag gegen Leverkusen in den Katakomben der Allianz Arena von einem putzigen Winzling mit wuschligen Locken erwartet. Als der Bayern-Profi vom Duschen kam, sauste der Stöpsel auf ihn zu, um ihm überglücklich Richtung Ausgang zu folgen. Ein hübsches Bild, doch prägender war nach dem 3:1 der Abgang von Corentin Tolisso. Er benötigte Krücken, sein rechtes Bein fixierte eine Schiene. Als er mit Mühe in den Teambus kletterte, ahnte man bereits: Den sieht man so bald nicht mehr. Noch am Abend wurde bestätigt, was schon unmittelbar nach Spielenende befürchtet worden war: Kreuzbandriss. Sein Außenband hat es zudem zerfetzt.

Rafinha tauchte am Samstag gar nicht mehr auf, auch er hatte das Feld von Ärzten gestützt verlassen. Seine Diagnose las sich um Nuancen besser und ist dennoch übel: Teilriss des Innenbands. Rafinha wird man ebenfalls so bald nicht mehr sehen. Man schreibt den dritten Spieltag, die Münchner beklagen nach Kingsley Coman ihre Schwerverletzten Nummer zwei und drei – es war nur logisch, dass es am Samstag noch eine weitere prägende Szene in den Stadionkatakomben gab: Uli Hoeneß war wütend. Sehr.

Der Präsident trug wie immer seinen FC-Bayern-Schal, denn er ist nun mal der erste Fan seines Clubs, und entsprechend echauffierte er sich auch. „Das Foul von Karim Bellarabi war geisteskrank“, schimpfte er über die Attacke gegen Rafinha, „das war vorsätzliche Körperverletzung. Sowas gehört drei Monate gesperrt – und zwar für Dummheit, nicht für das Foul. So etwas macht man nicht an der Mittellinie.“ Hoeneß ist nie um drastische Worte verlegen, er bezog sich aber ausdrücklich auf die Aktion von Bellarabi, die mit Rot sanktioniert wurde – was im Übrigen im Kosmos von Niko Kovac nicht angemessen war: „Das ist nicht Rot, das ist Doppel-Rot!“ Der Münchner Trainer schimpfte analog zu seinem Präsidenten: „Langsam reicht es mir. Ich habe das Gefühl, dass wir Freiwild sind.“

Die Kernproblematik der ersten Spieltage fasste Hoeneß generell treffend zusammen. Anders als Hoffenheim zum Auftakt habe Leverkusen nicht körperverletzend gespielt, meinte er, Tolissos Verletzung sei zum Beispiel Pech gewesen – alarmierend ist jedoch, dass sich die Liga insgesamt im Tiefflug befindet. Der Auftritt der Leverkusener, eigentlich ein ambitionierter Club, war frappierend schwach. „Es wäre schön gewesen, wenn der Gegner auch versucht hätte, ein Tor zu schießen“, so Hoeneß, „für ein schönes Spiel braucht man immer zwei Mannschaften.“ Auch Niklas Süle wunderte sich über das blutleere Bayer: „Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass sie uns sehr verhalten angelaufen sind. Ich hatte nie das Gefühl, wir könnten ein Tor kassieren.“

Den wahren Debattenansatz, den das Spiel am Samstag lieferte, war nicht, dass die Gegner die Bayern zu hart attackieren – sondern, dass ihnen mal wieder nichts einzufallen scheint. Phasenweise hätten sich die Münchner auf den Ball setzen können, ohne dabei belästigt zu werden. „Es war ein souveränes Spiel von uns, der Sieg ist nie in Gefahr geraten“, analysierte Hoeneß.

Dabei war Leverkusen früh in Führung gegangen, „aber das haben wir leichtfertig sehr schnell wieder abgegeben“, so Sven Bender, „wir haben den Bayern Geschenke gemacht, die wir auch noch schön verpackt haben, mit Schleifen drumherum.“ Hält der Trend an, kann man die Meisterschale schon zu Weihnachten einwickeln und verschicken.

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