„Dieser Fluch funktioniert“

von Redaktion

Experte Dr. Wehse über Benficas Schicksal, Steinzeit-Denken, Gerd Müllers 13 – und einen Selbstversuch im Gartenhaus

München – Benfica Lissabon leidet seit 1962 am sogenannten „Guttmann-Fluch“. Der damalige Trainer Belá Guttmann sprach ihn nach der Titelverteidigung im Landesmeisterpokal aus, weil ihm die Vereinsbosse Prämien vorenthielten. „Benfica wird in den nächsten 100 Jahren keinen Europacup mehr gewinnen“, sagte der Coach, als er zornig kündigte. Dr. Rainer Wehse ist am Institut für Volkskunde der Münchner LMU Experte für Aberglauben. Der Ethnologe analysiert in unserem Interview Benficas Schicksal.

-Herr Dr. Wehse, was ist denn an dem sogenannten „Guttmann-Fluch“ dran?

Flüche haben auch heute, wo wir uns für so aufgeklärt halten, große Wirkkraft. Meine persönliche Meinung ist zwar, dass sie völliger Quark sind, aber sie funktionieren, irgendwie. Sie verunsichern die, die mit einem Fluch belegt sind. Sehen Sie: Bei Benfica ist das reiner Zufall, dass man so viele Finals verloren hat. Aber da es diesen Fluch nun mal gibt, verunsichert er die Spieler. In Krisensituationen, und Finalspiele im Profifußball sind eine Krisensituation, neigt der Mensch dazu, sich Anker zu suchen wie einen Talisman, der Halt gibt. Auch die Zuwendung zu Gott ist in diesen Situationen größer. Man ist für solche Dinge empfänglicher, eben auch im Negativen – wie für einen Fluch. Wenn so ein Fluch schon so lange anhält wie im Fall Benfica, sehen das die Menschen natürlich als Bestätigung des Fluchs. Und das verunsichert weiter. Diese Spirale dreht sich immer weiter – bis der Fluch endlich einmal gebrochen wird.

-Am Vorabend des Landesmeister-Finales 1990 bat sogar Benficas Ikone Eusebio, 1961 und 1962 der Top-Star, an Guttmanns Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof, den Fluch zurückzunehmen – man verlor gegen den AC Mailand. 2014 stellte Benfica eine Bronzestatue von Guttmann in Lebensgröße im Stadion auf, er trägt die zwei gewonnenen Europapokale. Kurz darauf verlor Lissabon das Endspiel in der Europa League gegen den FC Sevilla.

Das ist das Prinzip der Wiedergutmachung, um eine Rücknahme des Fluches zu erbitten. Man muss halt daran glauben. Den Großteil beim Aberglauben machen Abwehrhaltungen aus. Beide Aktionen fallen in diese Kategorie. Aber es hilft nichts; um diesen Fluch zu beenden, muss man ihn brechen. Da kommt man um einen Sieg in einem Finale nicht herum.

-Inklusive Youth League sind es inzwischen schon zehn verlorene Finals.

Da kann man sagen: Dieser Fluch funktioniert (lacht). Wir sind einerseits so modern, andererseits leben wir in der Steinzeit. Wenn ich eine Liste von Aberglaubensvorstellungen in unserem aufgeklärten Deutschland anfertige, halten wir mit Schwarzafrika gut mit.

-Warum sind Menschen für so etwas wie Aberglauben empfänglich?

Ich sehe das als eine Gehirnfunktion. Wir Menschen sind so programmiert, dass wir sowohl rational denken können als auch gläubig sind. Ich trenne das auch gar nicht vom religiösen Glauben, das liegt auf dem gleichen Gen, bildlich gesprochen. Wir können uns von so einer Gehirnfunktion kaum freimachen. Selbst einer, der nicht abergläubisch ist, wird, wenn ihm an einem Freitag, den 13. etwas passiert, sich leichter daran erinnern als an einem anderen Datum.

-Ein gelernter Reflex?

Nein. Genetisch. Ich war mal mit meinen vier Kindern, als sie noch ganz klein waren, auf einer Kanu-Tour in Finnland. Plötzlich zog ein Sturm auf. Es war kritisch, man musste da weite Strecken über Wasser zurücklegen. Wir sind auf einer kleinen Insel zwischengelandet, und da lag ein angeschwemmter Kinderschuh. Den stellten die Kinder auf den Bug des Kanus und legten fest: Wenn der nicht runterfällt, geht alles gut. Sie wussten bis dahin nichts über Aberglauben und haben das in dieser Situation selbst erfunden. Der Schuh geisterte Jahre bei uns zuhause herum. Für mich ist das ein Beweis, dass das eine menschliche Hirnfunktion ist, die nicht erst erlernt werden muss. Alle Kulturen haben ihre eigenen Glaubensvorstellungen entwickelt, alle. In Schwarzafrika ist der Aberglaube besonders ausgeprägt. In Kamerun stirbt nach Auffassung der Menschen keiner eines natürlichen Todes – alle durch Zauberei. Uns erscheint das skurril, weil es uns fremd ist. Aber ich habe noch eine Anekdote, die zeigt, wie gut Zauberei und Flüche auch bei uns hier funktionieren.

-Bittesehr.

Ich habe ein kleines Gartenhaus. Da wurden eine zeitlang Kleinigkeiten stibitzt. Becher, Schaufeln und solche Dinge. Dann habe ich einen Zettel angebracht, ich hätte einen Fluch ausgesprochen, den ich im Kongo gelernt habe. Ich war mal im Kongo, habe aber da nie einen Fluch gelernt. Ich schrieb – jetzt wird es etwas unanständig, verzeihen Sie –, dass der Fluch dafür sorge, dass den Dieben die Eier abfaulen. Ab da war Schluss! Nie wieder wurde was entwendet.

-Im Fußball ist der frühere Bayern-Trainer Giovanni Trapattoni vielen im Gedächtnis, wie er bei kritischen Situationen etwas Weihwasser verschüttet.

Da sehen wir, wie eng Aberglaube und Kirche verbunden sind. Aberglaube ist ja auch eine christliche Wortprägung. Für die Evangelischen ist übrigens Weihwasser im Grunde schon Aberglaube.

-Der Brite Gary Lineker schoss beim Warmmachen nie aufs Tor – er wollte keinen Treffer vergeuden.

Das Gesetz der Serie, an dem sich viele Menschen festhalten. Siehe auch Benfica. Ein Tor zu verschwenden, würde bedeuten, eine Serie zu brechen. Das ist schlecht, wenn man aus Ritualen seine Kraft zu schöpfen glaubt.

-Bei Frankreichs Raymond Domenech ging es so weit, dass er bei der Zusammenstellung eines Turnierkaders auf die Sternzeichen achtete. Skorpione nominierte er quasi nie, weil „die sich am Ende alle gegenseitig umbringen“. Auch Löwen scheute er: Sie neigen dazu, „Dummheiten zu begehen“.

Das Ganze geht auf ein babylonisches System der Sternebeobachtung zurück, das zunächst einmal gar nicht darauf ausgelegt war, Schicksale zu deuten. Im Übrigen haben sich seitdem die Sternbilder verschoben: Was heute als „Löwe“ suggeriert wird, ist es längst nicht mehr. Quark hoch drei. Intelligente Leute versuchen, den Menschen das so zu verkaufen, dass man glaubt, da sei etwas dran. Sternzeichen-Deutung ist der am häufigsten verbreitete Aberglaube. Jeder Mensch in Deutschland kennt sein Sternzeichen, auch wenn er nichts darauf gibt. Astrologie hat vor allem einen Beweggrund in diesem Kontext: Geld zu machen.

-Gerd Müller trug die Unglückszahl 13 – allerdings mit großem Erfolg.

Die 13 gilt in Teilen Deutschlands sogar als Glückszahl. Tendenziell bringt sie Pech, in Bayern ist sie negativ behaftet. Da hat Gerd Müller dem Ganzen ein Schnippchen geschlagen. Dass die 13 so einen schlechten Ruf hat, führt auf das alte System vor dem Dezimalsystem zurück, das bis 12 ging. 12 ist eine „gute“ Zahl, das Überzählige ist schlecht. 13 ist eines zu viel. Im Märchen ist die 13. Fee die böse Fee, manchmal sogar der Teufel. Der Freitag, der 13. als Unglückstag kommt im Grunde aus den USA: Die Weltwirtschaftskrise 1929 begann an einem Freitag, den 13., die Apollo-Mission scheiterte an einem Freitag, den 13. – es gibt noch viele Beispiele, weit bis ins 19. Jahrhundert hinein.

-Argentiniens Trainer-Ikone Carlos Bilardo ließ vor der WM 1986 im Teamquartier die Zimmernummern 13 und 17 entfernen – sie brächten Pech, sagte er.

Andere Länder haben andere Unglückszahlen. Die 13 ist europäisch und westlich geprägt. Ich habe mal meine Studenten eine Umfrage unter Münchner Hotels machen lassen: Tatsächlich haben die wenigsten einen 13. Stock oder einen 13. Raum. In Flugzeugen vergesse ich immer, zu überprüfen, ob es keine Reihe 13 gibt. Angeblich ja nicht. In Asien gelten wieder ganz andere Zahlen als negativ belegt als hier bei uns. Man sollte das nicht auf die Spitze treiben – sonst kann man ja gar keine Sitzreihen im Flieger mehr vergeben.

-Bilardo verbot aus Aberglauben seinen Spielern auch den Verzehr von Hühnerfleisch. Bis heute weiß keiner, warum.

Das kannte ich bisher auch nicht. Aber es hat funktioniert: Argentinien wurde Weltmeister (lacht). Es gibt viele regionale und nationale Aberglaubensvorstellungen. Da kommt man gar nicht hinterher.

-Bei Eintracht Frankfurt verbat Trainer Horst Ehrmanntraut seinem eigenen Assistenten Bernhard Lippert den Zutritt zur Kabine. Er strahle negative Energie aus, war die Begründung.

Esoterik. Das ist noch einmal ein ganz anderes riesiges Feld. Wenn Sie die Chance haben, gehen Sie mal auf eine Esoterik-Messe! Sie glauben nicht, was da so vertreten ist. Für viele ist das ein Mumpitz, für andere das Nonplusultra.

-Psychologen sagen, Aberglaube sei ein reines Hirngespinst.

Meiner Meinung nach stimmt das. Eindeutig. Aber er existiert. Man hat gewisse Vorstellungen und kann relativ wenig dagegen machen. Selbst meine Studenten, analytisch denkende junge, moderne Menschen stellen den Aberglauben hin und wieder über den Ratio. Eine Studentin von mir kaufte mal ein Pferd nicht, weil die Sage aufgekommen war, dass bei dem Gestüt ein Geistertramper sein Unwesen treibe. Ich sagte ihr, dass das Mumpitz ist. Sagen gibt es an so vielen Orten der Welt, nirgends sind sie stichhaltig festgehalten. Aber sie kaufte das Pferd nicht. Nichts zu machen.

-Aberglaube muss aber nicht immer negativ sein. Ein Talisman etwa sorgt für einen Placebo-Effekt. Bastian Schweinsteiger spielt angeblich mit den Schienbeinschonern seiner Jugend.

Ja, und die Christopherus-Plakette gibt einem Sicherheit, dass einem nichts passiert. Einerseits. Andererseits darf man sich aber nicht fahrlässig nur auf diesen Schutz verlassen. Es ist etwas ambivalent. In manchen Bevölkerungsgruppen ist der Aberglaube mehr verbreitet, wie ich schon angesprochen hatte: Bei denen, die sich regelmäßig Krisensituationen stellen. Leistungssportler, Schauspieler oder Opernsänger haben gerne einen Talisman. Ich bin gespannt, wie es mit Benfica weitergeht. Ich werde nach diesem Interview jetzt auf ewig die Resultate dieses Clubs verfolgen. Mal sehen, wie lange das andauert. Gute 60 Jahre sind ja schon vorbei.

Interview: Andreas Werner

Artikel 1 von 11