München – Die turnusmäßige Rückkehr an die Sportschule Hennef – sie dürfte Daniel Bierofka diesmal leichter gefallen sein als sonst. Zwar entgeht dem angehenden Fußballlehrer die Chance, seiner Mannschaft noch ein bisschen auf den Zahn zu fühlen – schließlich befand sie sich in Rostock bereits auf Siegkurs, ehe sie die Phase nach der Pause „vollkommen verpennt“ hat. Andererseits: Eine Niederlage lag nach dem Blitzschlaf (1:2 statt 1:0) ebenfalls im Bereich des Möglichen – wurde aber mit vereinten Kräften abgewendet (Endstand 2:2). Zudem nahm Bierofka die erleichternde Nachricht mit ins Rheinland, dass Adriano Grimaldi nicht so schlimm verletzt ist wie anfangs befürchtet (Knieprellung). Und dann war da ja noch das Lob des Rostocker Kollegen Pavel Dotchev, das lieblich wie Harfenklänge die ICE-Zugfahrt nach Hennef begleitet haben dürfte . . .
„Respekt vor 1860“, hatte der Hansa-Coach gesagt: Die Löwen seien der beste Gegner gewesen, der sich seit Langem an der Ostsee vorgestellt hat. „Sechzig war gut organisiert, sehr bissig und laufstark“, schwärmte er: „Wir haben keine Lücken gefunden.“ Im Gegensatz zur Münchner Reißbrettoffensive um den Präzisionsschützen Phillipp Steinhart: „Es war bekannt, dass Sechzig bei Standards enorm gefährlich ist . . .“ Und trotzdem hat es wieder zweimal geklingelt, als der Großmeister des ruhenden Balls seine Füße im Spiel hatte.
Steinhart ist ein Spieler, der Tore servieren kann wie ein Butler feinste Delikatessen. Wenn der Linksverteidiger die Augen zusammenkneift und ein paar Schritte Anlauf nimmt, weiß jeder Gegner, dass Gefahr in Verzug ist – und trotzdem sammelt der 26-Jährige Scorerpunkte wie andere Leute Treueherzerl.
Von 15 Saisontreffern, die Aufsteiger 1860 zum angriffsstärksten Team der Liga machen, resultieren sechs aus Freistößen, die Steinhart stets mit viel Gefühl und Schnitt in die Gefahrenzone jagt – ein einsamer Spitzenwert im deutschen Profifußball. Zählt man noch jene Tore hinzu, die ihren Ursprung an der Eckfahne oder dem Elfmeterpunkt haben (wie Steinharts 2:2 in Rostock), dann sind es sogar neun. Osnabrück als zweitbestes Team in dieser Wertung hat es auf drei Tore weniger nach ruhenden Bällen gebracht. Kein Wunder, dass Bierofka hochzufrieden ist mit seinem Punktegaranten. „Phillipp entwickelt sich sehr gut, auch als Persönlichkeit“, schwärmt der Trainer: „Er ist ein Spieler, auf den man sich verlassen kann, der immer alles gibt. Dazu hat er seine Schlagtechnik bei Freistößen und Eckbällen so automatisiert, dass wir da jetzt richtig Konstanz drin haben.“
Chefplaner der Varianten ist übrigens nicht Bierofka selbst. Auch nicht Sportchef Günther Gorenzel, der von Montag bis Mittwoch als Übungsleiter einspringt. Sondern Co-Trainer Oliver Beer, der Lücken orten kann, die anderen verborgen bleiben. „Dafür bin ich ja da“, sagt der Bierofka-Adlatus bescheiden. Er habe einfach einen Blick dafür, „wo der Gegner offenen Stellen hat“. Und im eigenen Team findet er geeignete Spieler, um diese Ideen umzusetzen. Wehen Wiesbaden dürfte schon zittern vor dem Duell am Samstag. Mag sein, dass der gefürchtete Grimaldi ausfällt. Steinhart dagegen ist topfit – und scharrt bestimmt schon mit den Füßen . . .