München – Tim Wiese polarisiert, auch deshalb hat er seine Fangemeinde. Der ehemalige Bundesligatorwart zählt ab sofort zum Expertenteam des „Fantalks“ bei „SPORT1“ und hatte gestern dort seinen Einstand. Vor dem heutigen Spiel des FC Bayern in Lissabon nimmt der 36-Jährige in unserem Interview auch kein Blatt vor den Mund.
-Herr Wiese, wird es für Bayern in der Champions League immer schwerer wegen der Millionensummen, die die internationale Konkurrenz investiert?
Ja, klar wird es schwerer. Und auch diese Saison gewinnt Bayern die Champions League nicht. Dafür sind die anderen einfach besser besetzt. Das muss man ganz klar sagen. Franck Ribery und Arjen Robben sind bald Geschichte. Kingsley Coman kann es eventuell packen, aber bei Serge Gnabry habe ich Bedenken. Mein Top-Favorit ist Juventus Turin. Mit Cristiano Ronaldo haben sie den geholt, den sie gebraucht haben. Solange es die 50+1-Regel in Deutschland gibt, wird die Bundesliga immer weiter nach hinten durchgereicht. Geld reagiert die Welt, das trifft noch mehr auf die Fußballwelt zu. Eine unangenehme Wahrheit, aber es ist so.
-Wie viel ist Thomas Müller für Bayern wert?
Da sage ich nur: Urgestein. Unbezahlbar. Er wird immer bei Bayern bleiben und haut sich immer rein. Ich habe schon, als ich selber noch im Tor stand, immer gedacht: Wie kann der nur so spielen mit seinen dünnen Storchenbeinen? Einmal habe ich ihn umgesenst, mit Bremen. Ich habe ihn erwischt und dachte, oje, jetzt habe ich ihm das Rückgrat gebrochen. Aber er stand einfach auf und spielte weiter. Ich musste mit Rot vom Platz. Das war aber in Ordnung so. 88. Minute, es stand schon 0:2. Ich dachte, ehe wir das 0:3 kriegen, versuche ich die Grätsche. Ging daneben. Wobei ich ihn natürlich nicht verletzen wollte.
-Ist das Müllers Geheimnis: unkaputtbar?
Irgendwas hat er auf jeden Fall in seinen Genen, das sonst keiner hat. Er ist immer da, macht Wege, die sonst keiner geht. Ein ganz komischer Spieler, unangenehm für jeden Gegner. Er läuft und läuft und läuft, die Stutzen bis unten, die Schienbeinschoner fallen fast raus bei seinen dünnen Gräten – und plötzlich schlägt er zu. Wie gesagt: Gene wie sonst keiner.
-Wie sehen Sie als Ex-Torwart Manuel Neuer – ist er nach einem Jahr Auszeit wieder ganz der alte oder doch ein Sicherheitsrisiko?
Nein, der ist okay, das ist kein Risiko, solange sein Fuß hält. Torwartspiel ist wie Radfahren. Das verlernst du nicht. Was ich immer witzig finde ist, das ist bei Marc-André ter Stegen, der ihn sicher beerben wird, übrigens das Gleiche: Neuer wird ständig gefeiert für sein Aufbauspiel . . . wie nennt man diese Position am besten? „Torspieler“? So kannst du aber natürlich nur spielen, wenn du beim FC Bayern im Tor bist, beim FC Barcelona, bei Real Madrid, bei Manchester City – bei Mannschaften, bei denen der Gegner jenseits der Mittellinie auf Angriffe wartet, ist es leicht. Ich hab’ früher auch Stürmer 40 Meter vor meinem Tor abgegrätscht, aber ich war immer nur ein „Linientorwart“ für die Leute. Da ist also auch viel Image dabei, will ich damit sagen.
-Wen haben Sie außer Juve noch auf dem Zettel?
Barcelona, Real Madrid, Manchester City, Paris. Bayern kommt dann auf Platz fünf, sechs. Auch in München wird man bald nicht drumherumkommen, Spieler für 100 Millionen Euro zu holen. Sonst bist du weg. Warum haben sie Ronaldo nicht geholt? Da hättest du von der Säbener Straße bis zum Marienplatz alle drei Meter eine Bude mit Trikots aufstellen können, und die Leute hätten das Geld hingeblättert. Ronaldo bei Bayern, das wäre ein Donnerschlag gewesen. Robert Lewandowski weg, Cristiano Ronaldo her – ich denke, das hätte den Fans gefallen.
-Ist Real Madrid nach drei Titelcoups nun so langsam am Ende?
Real darf man nie abschreiben. Aber Ronaldos Tore werden fehlen. Karim Benzema halte ich für ein Auslaufmodell, jetzt haben sie keinen richtigen Stürmer mehr. Ich verstehe nicht, warum sie da nicht tätig geworden sind.
-Manchester City gilt bei vielen auch als Top-Favorit. Wie sehen Sie einen wie Leroy Sané, der trotz seines Talents nicht zur WM fuhr und auch jetzt von Pep Guardiola aus dem Kader gestrichen wurde?
Er hat unglaublich viel Talent und kann viel erreichen. Es muss aber auch im Kopf stimmen. Wenn die jungen Spieler schon jetzt mit der Gucci-Tasche unter dem Arm herumlaufen, dann wird es schwer. Ich habe mich früher im Container umgezogen, wir haben auf roter Asche trainiert. Heute trainieren sie in Internaten, haben bewegliche Becken und was weiß ich. Ich habe zudem den Eindruck, es geht nur noch darum, wer die meisten Follower bei Instagram hat. Sie haben alle Talent, aber sie denken zu früh, sie sind Superstars. Sie sollen sich Cristiano Ronaldo anschauen: Der kommt eine Stunde vor dem Trainingsbeginn und geht zwei Stunden nach den anderen. Wenn er mal auf der Yacht liegt, hat er sich das vorher erarbeitet. Und das über Monate.
-Wie bewerten Sie den Umbruch, den Neustart der Nationalmannschaft?
Was für ein Umbruch? Die WM war eine desolate Leistung. Das darf dem DFB, einer deutschen Elf nicht passieren. Mexiko, Südkorea – die haben uns niedergelaufen, niedergekämpft. Mir fehlen die alten Tugenden. Die Jungs haben gedacht: Wir sind der Weltmeister, spielen Hacke, Spitze, 1, 2, 3, so schaffen wir die Vorrunde. Alles Quatsch. Ich sehe auch jetzt keinen Umbruch. Ich verstehe nicht, dass Joachim Löw nicht zurückgetreten ist. An seiner Stelle wäre ich 2014 zurückgetreten. Aber anscheinend ist der DFB seine Familie.
-Sie sagen, die alten Tugenden fehlen. Muss sich der deutsche Fußball aber nicht auch an anderen Nationen orientieren?
Es ist alles sicher nicht mehr so leicht wie vor 20 Jahren, als man Südkorea oder Mexiko einfach weghauen konnte. Die können alle fußballspielen, und sie können beißen und kämpfen – und das sind Dinge, die du auf den Platz mitbringen musst. Das deutsche Vorrunden-Aus war für mich schlicht Hochnäsigkeit. Wäre man anders aufgetreten, mit mehr Biss und Willen und nicht so arrogant, wäre nicht so früh Schluss gewesen.
Interview: Andreas Werner