München – Morgen wird es zwanzig Jahre her sein, dass Florence Griffith-Joyner tot in ihrem Bett aufgefunden wurde.
Wer den Namen nicht sofort einordnen kann, dem hilft ein Hinweis: Die mit den Fingernägeln.
Sofort sind die Bilder da: Die 80er-Jahre, die Leichtathletik, besonders der Sprint, eine glamouröse Sportart. Bei den Männern waren es Carl Lewis und Ben Johnson, die sich auf den Tartanbahnen der Welt duellierten, bei den Frauen tobte der Krieg der Systeme: Hier die Amerikanerinnen, dort die Fräuleins aus der DDR. Namen von damals: Florence Griffith-Joyner, Evelyn Ashford, Marlies Göhr, Heide Drechsler.
Griffith-Joyner war die schillerndste Figur – schon weit vor ihrem großen Jahr. Sie war noch nicht so rasend schnell, das kam sehr plötzlich und hielt nur eine Saison an, nach der sie auch zurücktrat – doch die Kameras fraßen sich an ihr fest. Wegen der Fingernägel, die den Krallen eines Raubtiers glichen. Die Welt schaute ungläubig zu, wenn Leichtathletik übertragen wurde: Ist das nicht ein Riesennachteil, brechen die beim Tiefstart nicht ab, kann man sich da nicht verletzen? Und: Kosten die Nägel nicht Zeit, die beim 100-Meter-Lauf doch am kostbarsten ist? Florence Griffith-Joyner war vor allem eine skurrile Erscheinung.
Im Jahr 1988 wurde sie zu einer, die man nicht nur wegen einer optischen Oberflächlichkeit wahrnahm. Sie wurde so schnell wie keine Frau vor und bis heute auch keine nach ihr. Bei den US-Meisterschaften, der Qualifikation für die Olympischen Spiele 1988 in Seoul, fegte sie in 10,49 Sekunden über die Bahn. Die Nägel waren immer noch markant, aber kürzer und nicht mehr gebogen, also aerodynamischer. Man konnte nun mehr auf ihren Laufstil achten. Die sehnigen Beine, das Spiel der Muskeln. Kein Schritt war so raumgreifend wie der von „FloJo“, Ästhetik traf auf Dynamik.
In Seoul musste sie keinen weiteren Weltrekord laufen, um die 100 Meter zu gewinnen. Sie sparte sich die nicht zu toppende Bestzeit für die 200 Meter auf: 21,32 Sekunden.
10,49 und 21,32 – Zeiten aus dem Männerbereich. Monumente der Leistungsfähigkeit. Und zugleich Mahnmale.
Es gab – anders als beim Kanadier Ben Johnson – keinen positiven Dopingtest (zumindest keinen, der öffentlich geworden wäre), doch die Zweifel begleiteten Griffith-Joyner. Wie aus dem Nichts war es zu dieser Leistungsexplosion gekommen; zuvor hatte sie wie alle guten Sprinterinnen mit der 11-Sekunden-Marke gekämpft. Und nach diesem phantastischen Jahr 1988, das mit dem Fall Ben Johnson eine Art Urknall des Hochdopings erlebt hatte (dem Olympiasieger wurde noch in Seoul die Goldmedaille aberkannt), verabschiedete sie sich vorerst aus dem Sport.
Ihr Trainer Bob Kersee war die größte Nummer damals, zur Trainingsgruppe gehörte auch Siebenkampf-Star Jacke Joyner-Kersee, die zweite Grand Dame der Leichtathletik. FloJos Mann war Al Joyner, der Olympiasieger von 1984 im Dreisprung. Eine große amerikanische Familie. Für Florence Griffith-Joyner war der sportliche Erfolg auch verbunden mit einem sozialen Aufstieg: Sie stammte aus einfachen Verhältnissen, hatte zehn Geschwister. Hinter der Exzentrik, die sie sich zulegte, steckte ein kluger Kopf: FloJo studierte Psychologie.
Nach dem einzigartigen Jahr 1988 trat sie zurück, denn was hätte noch kommen sollen? Sie wurde zur amerikanischen Celebrity. Die Leute warteten, dass Griffith-Joyner ihnen etwas Neues bieten würde. Plakativ kündigte sie an, in die Leichtathletik zurückzukehren – am anderen Ende der Wettbewerbsskala, als Marathonläuferin. Dazu kam es nicht. 1996 hörte man von einem leichten Schlaganfall.
Am 21. September 1998 dann die Todesnachricht. Die schnelle und schöne Frau gestorben. Mit jungen 38. Doch woran? Folgen des möglichen bis wahrscheinlichen Dopings (Wachstumshormone, Anabolika)? Ein Gerichtsmediziner stellte eine angeborene Anomalie des Gehirns fest, dadurch soll ein epileptischer Anfall ausgelöst worden sein, in dessen Folge die ehemalige Weltsportlerin in ihrem Kopfkissen erstickte.
Vielleicht aber war sie einfach auch nur eine begnadete Läuferin. Oder – wie viele der damaligen Zeit – ein Produkt ihres Talents und des der Pharmazeuten.
Die treffendste Beschreibung von Florence Griffith-Joyner liefert Ines Geipel, ehemalige DDR-Sprinterin und heutige Interessenskämpferin für die Dopingopfer des ostdeutschen Systems: „Sie war die große Sphinx des Frauensports, ihr früher Tod ist Drama pur. In meinem Kopf ist sie der weibliche Michael Jackson.“