Mit Druck ins Derby

von Redaktion

1860 will im Duell mit Haching die Trendwende erzwingen – Wiedergeburt des Ochsensturms?

von uli kellner

München – Es soll ja Fans geben, Fußballtraditionalisten, die stellen in Frage, ob es neben dem Originalmünchner Derby FC Bayern – TSV 1860 noch ein zweites Spiel gibt, das formal die strengen Derbykriterien erfüllt, von der geografischen Nähe (als Grundvoraussetzung) über die Historie bis zum zeitlosen Prickelfaktor. Diese Leute muss man ernst nehmen mitsamt ihrer Gefühle, doch ebenso sollten diese Leute gut hinhören, was allein in den letzten Tagen gesagt wurde – vor dem Drittligaduell im Hachinger Sportpark, in dem die kleine Spielvereinigung mit den Gästen aus Giesing um Drittligapunkte balgt.

Manni Schwabl, der für die Bayern und die Löwen gespielt hat, ehe er Präsident der SpVgg Unterhaching wurde, stellte eine eigenwillige Rechnung auf. Für ihn seien es nicht drei Punkte, sondern „eher 3,3 oder sogar dreieinhalb“ Zähler, die heute Abend – nach einem bunten Rahmenprogramm inklusive bayerischer Böllerschüsse – ausgefochten werden. Das Spiel selbst ist seit Wochen ausverkauft, was man im Sportpark mit der in Eigenregie ertüchtigten Ostkurve lange nicht erlebt hat. 1860-Coach Daniel Bierofka schließlich, dessen Hachinger Vergangenheit lange her, aber nicht vergessen ist (1993/94), merkte an: „Es ist was Besonders, ein enges Spiel, ein Derby. Da ist einfach eine andere Anspannung da – das hat man schon im Training gemerkt.“

Ein Spiel also, egal wie man das Duell nennt, das keinen der Beteiligten kalt lässt. Schon wegen früherer Aufeinandertreffen, die meist nicht gut ausgingen für den TSV, der 20-mal so viele Mitglieder zählt wie die wackere SpVgg aus dem Münchner Süden.

Als Pflichtspiel gab es diese Paarung letztmals zu Zweitligazeiten – die Spiele 1860 II gegen Haching nicht mitgerechnet. 2006 bezogen die Löwen unter Walter Schachner eine böse 1:5-Klatsche. Auch eine 1:4-Pleite in der Arena verursachte weißblauen Frust (2005) – Doppeltorschütze Necat Aygün musste sich einiges anhören, als er Jahre später wieder für 1860 auflief. Letztmals den Kürzeren zogen die Hachinger ausgerechnet, als Werner Lorant dort das Sagen hatte. Lorant, bei 1860 bis heute als Erfolgstrainer verehrt, konnte 2007 nicht verhindern, dass ein Talent namens Gülselam per Eigentor ausnahmsweise mal dem TSV die Punkte überließ.

Das alles haben die Fans im Kopf, wenn sie heute Abend in Scharen die S-Bahn gen Süden besteigen. Bierofka hat zudem im Kopf, dass er dieses Spiel lieber nicht verlieren möchte. Zum einen wegen des Derbycharakters. Zum anderen, weil ein gewisser Druck nicht mehr zu leugnen ist, seit sich sein Team durch Schlafmützigkeit um Siege in Rostock (2:2) und gegen Wehen (1:2) brachte. Ein Dreier täte jetzt mal wieder gut, schließlich steht am Montag schon das nächste Duell mit einen aufstrebenden bayerischen Rivalen an (Würzburg).

Bierofka wirkte durchaus angespannt, als er gestern zur Presse sprach. „Wir müssen einfach locker bleiben“, schrieb er seinen Spielern ins Stammbuch: „Wir dürfen nicht hinfahren und verkrampfen – oder denken, wir müssen da alles zerstören.“ Bierofka weiß zwar, dass es böse enden kann, wenn die spielstarken Hachinger in Torlaune kommen: „Stahl, Bigalke, Hain sind aus meiner Sicht herausragend.“ Er vertraut aber auch darauf, dass dem Rivalen die Knie schlottern, wenn seine Löwen ihre Standardstärke ausspielen. Und womöglich mal wieder vom sog. „Ochsensturm angeleitet werden. „Wir haben Möglichkeiten zu wechseln“, drohte der Coach. Und: Die Rückkehr zur Doppelspitze Mölders/Grimaldi sei zumindest „nicht ausgeschlossen“.

Wenig übrig hatte Bierofka für die Äußerung von Seitenwechsler Claus Schromm, der erklärt hatte, er sei einst als Fan zu 1860 gewechselt – und später als Nicht-Löwenfan zu Haching geflüchtet. Bierofkas trockener Kommentar dazu: „Ich bin nicht der Claus Schromm.“ Dass die Löwen eine „Monsteraufgabe“ sind, sei ihm allerdings bewusst.

Auch deshalb will er heute die Trendwende erzwingen, Münchner Drittliga-Vorherrschaft hin oder her. „Für mich spielt so was überhaupt keine Rolle“, sagte Bierofka: „Ich will einfach die drei Punkte.“

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