München – Es ist Wiesnzeit, da gibt es für Touristen nur auf dem Oktoberfest was zu holen – nicht aber, wenn sie beim FC Bayern vorbeischauen. Eigentlich. Seit acht Jahren haben die Münchner kein Heimspiel mehr verloren, sobald es unter der Bavaria rundgeht. Gestern hielt die Serie, doch Manuel Neuer schenkte dem FC Augsburg kurz vor dem Abpfiff ein Tor zum 1:1. Niko Kovac verpasste damit einen persönlichen Rekord. Es wäre der achte Sieg in seinem achten Pflichtspiel als Coach der „Roten“ gewesen. Jetzt aber hält Carlo Ancelotti weiter die Bestmarke. Aufgestellt 2016.
Niko Kovac hatte die Rotation gestern auf die Spitze getrieben; neben Sven Ulreich saßen auf der Bank sechs aus der Abteilung Stammelf, der Trainer hätte den Umbau nur noch toppen können, wenn er Giovane Elber, Luca Toni oder Andi Ottl auf den Platz geschickt hätte – für die aber ließ sich so kurzfristig keine Spielerlaubnis auftreiben, zudem waren sie tags zuvor auf der Legenden-Wiesn feiern. Kovac bevorzugte also logischerweise Männer wie Sandro Wagner, Renato Sanches, Serge Gnabry und Leon Goretzka, er probte gestern da ein wenig Zukunft, denn eine so junge Startelf hat es in der Vereinsgeschichte schon lange nicht mehr gegeben – trotz der Ü-30-Fraktion um Arjen Robben, Javi Martinez, Wagner und Manuel Neuer.
Kovac bewies mit seiner Aufstellung wieder mal Mut, in doppelter Hinsicht, nicht nur wegen der Massenrochade, sondern auch wegen seiner Ideen. Goretzka, gelernter Mittelfeldmann, versuchte sich beispielsweise als linker Verteidiger – allerdings, das muss man auch sagen, mit einigermaßen überschaubarem Erfolg. Der Test ging schief. Bereits zur Pause nahm Kovac Abstand. David Alaba ersetzte den Ex-Schalker.
Auffällig: Renato Sanches auf der „Acht“. Der Portugiese hatte offenbar sein Erweckungserlebnis, als er letzte Woche gegen seinen Ex-Club Benfica Lissabon eine gute Figur abgegeben hatte. Sanches warf sich mit Elan in die Partie, hatte in der ersten Hälfte mit Wagner die meisten Torchancen, bekam einmal nach einem Solo Szenenapplaus und zeigte auch bei einer Gelben Karte, wie wehrhaft er ist, indem er sich lautstark mit dem Vierten Offiziellen befasste. Körpersprache, Einsatz, Spielfluss – Sanches ist auf dem besten Weg, nach der erschreckend langen Anlaufzeit endlich anzukommen.
Dass es zur Pause 0:0 stand, lag am Schusspech der Münchner – und an Andreas Luthe, der einen Kracher von Gnabry um den Pfosten lenkte. Es ließ sich sehen, wie die Bayern die Zukunft probten – und nach 48 Minuten spielten die Generationen zusammen, wie es besser nicht sein kann. Gnabry war bei einem Konter auf und davon, brachte sich trickreich in Position – und schob dann doch zu Robben. Der Niederländer wuchtete den Ball zum 1:0 ins Netz. Eine Minute später hätte Sanches beinahe erhöht. Er tankte sich durch, scheiterte dann aber an Luthes Fäusten.
Das Spiel verflachte Mitte der zweiten Hälfte, die Augsburger bekamen mehr Spielanteile. Alaba prüfte Luthe mit einem tückischen Freistoß-Aufsetzer, auch der für Gnabry eingewechselte Franck Ribery setzte einen verzinkten Schuss an und bekam ein Abseitstor zurecht nicht zugesprochen. Thiago bekam noch ein paar Minuten Aufbauphase, Robert Lewandowski kam nicht in die Partie – obwohl der Pole 18 Tore gegen den FCA erzielt hat, so viele wie kein anderer Bundesligaprofi. In der 87. Minute rächte sich das. Neuer patzte, Felix Götze nutzte den Fauxpas. Der galt bis zum Sommer auch als Zukunft der Münchner. Dann wechselte er nach Augsburg. Und versaute die Wiesn-Stimmung.