Schweigen und ein Zwischenzeugnis

von Redaktion

Von Günter Klein

München – Die Regelung für die Kurven in den deutschen (Proifußball-)Stadien ist: Bei einem Tor wird gejubelt, selbstverständlich, aber grundsätzlich wird in den ersten 20 Minuten jedes Spiels erst einmal geschwiegen. Breiter Konsens darüber herrscht bei den Anhängern von Erst- und Zweitligaclubs, auch die 3. Liga ist dabei – und sogar bis in die fünften Klassen hinunter kam die Resonanz: Wir machen mit. Fans gegen DFB, die nächste Runde.

Die „Schickeria“, die bekannte Gruppe von Ultras aus der FC-Bayern-Südkurve, setzte noch einen optischen Akzent. Schweigende Stadionbesucher ergeben noch kein Bild, aber solche, die Botschaften in die Höhe halten. Zu Beginn der zweiten Halbzeit des gestrigen Spiels gegen den FC Augsburg erteilte die Schickeria dem DFB plakativ ein Zwischenzeugnis. Bewertungen dafür, wie der Verband (und die Liga, die DFL) sich machen in den Fächern, die die Fanszenen diskutieren wollen: „50+1-Regel“, „Korruption“, „Halbzeitshows“, „Sportgerichtsbarkeit“, „Auslandsvermarktung“. Die Schickeria griff vier heraus: zweimal „ungenügend“, einmal „geschwänzt“, eine „Themaverfehlung“. Unterm Strich: „Versetzung gefährdet.“

Die Vorgeschichte ist: Es hat zwei größere Treffen von DFB und Fanszenen gegeben. Der DFB hatte zunächst die Fanszene von Dynamo Dresden nach deren Aufmarsch 2017 mit „Krieg dem DFB“-Bannern um Gespräche gebeten, es kamen dann – der Verband sollte überrascht werden – Ultras von vielen weiteren Standorten dazu. Für den DFB nahmen Vizepräsident Rainer Koch und der Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große-Lefert teil.

Zu Beginn der vergangenen Saison sah man in den Stadien „Fick dich DFB“-Plakate. Der Gedanke dahinter, so ein Sprecher der Schickeria, war: „Die Sportgerichtsbarkeit ad absurdum zu führen. Sie vor eine schwierige Situation stellen. Wie geht sie mit einem beleidigenden Inhalt um, wenn er aus allen Vereinen kommt?“ Es gab keine Strafen. Der DFB war bereit, zu diskutieren.

Der Eindruck, den die Fanszenen gewannen: Der DFB erkenne die Gefahren und dass der Fußball kurz davor sei, gegen die Wand gefahren zu werden. Den Fans wurden im Gegenzug die Sachzwänge, nach denen der DFB sich zu richten hat, deutlicher.

Dennoch nahm die Unzufriedenheit von Fanseite überhand und führte zum Abbruch der Gespräche. Man fürchtete, nicht mehr zu bekommen als schwammige Absichtserklärungen. Und dann gab es den Vorfall, dass wenige Tage nach einem Treffen die Einführung von Montagsspielen in der 3. Liga verkündet wurde – die Fanszenen fühlten sich brüskiert. Sie hinterließen den Satz: „Ihr werden auch in dieser Saison von uns hören!“

In den meisten Stadien kam es am Wochenende zu Protesten, die sich auf die deutsche EM-Bewerbung bezogen, der Slogan „United by Football“ wurde verkehrt in ein „United by Money – Korrupt im Herzen Europas“. Für die Ultras ist Nationalmannschafts-Fußball aber nicht das Hauptthema.

Verschiedene Standorte, verschiedene Schwerpunkte. Den Fans in Hannover liegt das Thema Aufweichung der 50+1-Regel am Herzen, die Münchner Südkurve möchte eine vollständige Freigabe von Fanutensilien wie Schwenkfahnen, die zuletzt limitiert wurden (weil man fürchtete, sie sollten Sichtschutz für die Pyrotechniker sein). Die Fans wollen signalisieren, dass sie bereit sind, an den Gesprächstisch zurückzukehren. Aber – es müsse was vom DFB kommen. „Was Greifbares.“

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