London – Weltfußballer Luka Modric wollte sich vom Schwänzen des Titelverteidigers Cristiano Ronaldo nicht den großen Abend verderben lassen. „Jeder hat seinen Grund, ich werde mich dazu nicht äußern, warum einige nicht gekommen sind. Klar hätte es mir gefallen, wenn sie hier wären. Aber sie sind eben nicht da“, sagte der kroatische Vize-Weltmeister, der die begehrteste Einzel-Auszeichnung seiner Sportart fast wie ein Baby in seinen Armen hielt. „Das ist eine spezielle Nacht für mich und ein besonderer Moment meiner Karriere. Alle meine Träume sind in Erfüllung gegangen“,sagte der Mittelfeldgestalter von Real Madrid, mit dem unter anderem Frankreichs Nationalcoach Didier Deschamps (Welt-Trainer) sowie die Brasilianerin Marta (Welt.fußballerin) ausgezeichnet wurden.
Als erster Star seit Kaká 2007 heißt der am Montagabend in London vor den Augen von Bundestrainer Joachim Löw gekürte Gewinner bei der prestigeträchtigsten Einzelauszeichnung im Fußball nicht Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi. Beide ließen sich von ihren Clubs Juventus Turin und FC Barcelona für den Gala-Abend entschuldigen – aus terminlichen und privaten Gründen.
Manch einer, wie der frühere italienische Trainer Fabio Capello, empfand das als „Respektlosigkeit.“ Real-Kapitän Sergio Ramos merkte an: „Alle Preisträger sollten hier sein.“ Wie.Messi und Ronaldo stand der 32-Jährige auch diesmal in der Weltelf; von diesen Nominierten kamen nur Messi und Ronaldo nicht nach London.
Mit 33 (Ronaldo) und 31 Jahren (Messi) sind die beiden Dauer-Triumphatoren beim Kampf um die FIFA-Meriten zwar noch lange nicht abzuschreiben. Aber eine neue Zeitrechnung im Weltfußball ist eingeleitet. Wenngleich nicht Mittelfeldroutinier Modric für die neue Epoche stehen wird. Über weitere Preise denke er ohnehin nicht nach in diesem Moment, sagte der Champions-League-Sieger, immerhin auch 33 Jahre alt.
Modrics Wahl zum neuen König der Fußball-Welt hat selbstverständlich viel mit Kroatiens sensationellem Finaleinzug bei der WM zu tun. Als Kapitän war der anschließend zum besten Spieler des Turniers gewählte Mittelfeldstratege Herz, Hirn und Gesicht dieser Mannschaft.
Das Aushängeschild dieser neuen Heldengeneration stand nun am Montagabend auf der Bühne der prunkvollen Londoner Royal Festival Hall und dankte ganz bescheiden allen, die ihm zu dieser Ehre verholfen hatten: Seinen Teamkollegen der kroatischen Vize-Weltmeisterelf, seinen Mitspielern bei Champions-League-Sieger Real Madrid, seiner Familie, seinen Fans – und seinem Idol Zvonimir Boban aus der 1998er-Mannschaft, die bei der WM in Frankreich Platz drei belegt hatte. „Er war meine große Inspiration“, sagte Modric über den Mittelfeldspieler, der im Publikum Tränen der Rührung weinte.
Dass er ausgerechnet Boban, immer ein wichtiger Spieler, aber nie die Galionsfigur, zu seinem Vorbild auserkoren hat, sagt viel über den Fußballer Modric aus. Denn obwohl unbestreitbar ein absoluter Ausnahmekönner, war auch der schmächtige Edeltechniker bislang eher ein Star aus der zweiten Reihe. Ein Genie, dessen Genialität manchmal erst auf den zweiten Blick erkennbar wird. Bis jetzt zumindest.
Der oft ein wenig schüchtern wirkende Modric ist eben weder ein schillernder Torgarant wie Ronaldo, noch ein dribbelnder Zauberer wie Messi. Er ist einer, der eher den vorletzten als den letzten Pass spielt – und damit die Bezeichnung „Spielmacher“ oft mehr verdient als so mancher Offensivkünstler. Seine Ehrung zum Weltfußballer vor seinem ehemaligen Teamkollegen Ronaldo und dem Ägypter Mohamed Salah (FC Liverpool) ist deshalb auch ein Signal. Nur zweimal war der Preis zuvor nicht an einen Offensivspieler gegangen: 2006 an Italiens Abwehrchef Fabio Cannavaro und 1991 an Lothar Matthäus. dpa/sid